Meinung : Italien ist nicht nur Fußball-Weltmeister

Die WM in Deutschland hatte auf beiden Seiten Vorurteile wiederbelebt Von Antonio Puri Purini

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Muss man es betonen? Vorurteile deformieren die Realität, sie verzerren das Urteil gegenüber einer Person oder einem Land, sie nähren Unverständnis und Antagonismen, an denen nur die Dummen Gefallen finden. Die Vorurteile der Italiener gegenüber den Deutschen und der Deutschen gegenüber den Italienern haben sich heute drastisch reduziert; sie sind aber nicht verschwunden. Auf deutscher Seite: Die Italiener hängen ihr Fähnchen nach dem Wind, sind vertrauensunwürdig und Improvisateure. Auf italienischer Seite: Die Deutschen sind autoritär, fantasielos, unflexibel.

Die großen Ereignisse, die die Gefühle eines Volkes berühren, bringen viele dieser Vorurteile ans Licht, wie etwa zur Fußball- Weltmeisterschaft. In italienischen Zeitungen erschienen einige unangenehme Artikel im Stile von „die Deutschen verachten uns“; in deutschen Zeitungen wurden Banalitäten veröffentlicht, die an der Grenze zur Dummheit angesiedelt waren, von der Art: „Der einzige Beitrag Italiens zur Nachkriegskultur war die Einführung des Rucola“, „Italien ist das Land, in dem jeder sich organisiert, um das Gesetz zu umgehen“. Es ist schwer, sich auf dieser wie jener Seite banalere Kommentare vorzustellen.

Nun ist die Weltmeisterschaft vorbei – und in der Zukunft erwarten uns andere und wichtigere Herausforderungen. Wir sind dabei, Stein für Stein die Europäische Union aufzubauen, das wichtigste Projekt, das in der Geschichte unseres Kontinents je erdacht wurde. Wollen wir uns weiter gegenseitig die Vergangenheit vorwerfen oder gehaltlose Bemerkungen machen?

Ich denke, dass nun endlich die Zeit gekommen ist, dass wir uns gegenseitig mit unseren Vorzügen und Fehlern akzeptieren, so, wie man das auch in Familien tut. Jedes unserer Völker besitzt Charaktereigenschaften, die im anderen Volk Bewunderung auslösen und zur Nachahmung ermutigen. Beispiele gibt es viele: Die italienische Flexibilität und die deutsche Präzision, die deutsche Technik und die italienische Eleganz; die italienische Extrovertiertheit und die deutsche Innerlichkeit; die strategischen Fähigkeiten der Deutschen und die intuitiven der Italiener.

Unsere beiden Völker gehören unterschiedlichen Sphären an: Das eine ist eingebettet ins kontinentale Europa, das andere ist Teil der Mittelmeerwelt. Aber seit vielen Jahrhunderten sind diese beiden Welten durch untilgbare geschichtliche, künstlerische und kulturelle Angelegenheiten miteinander verflochten; die gegenseitige Anziehung ist Jahrzehnt für Jahrzehnt gewachsen. Dennoch: Vorurteile sind wie Unkraut, es fällt schwer, sie mit den Wurzeln auszureißen.

Zum Glück entwickeln sich die Dinge in persönlichen Kontakten weit besser. Die Sympathie, die Korrektheit, die Loyalität spielen eine wichtige Rolle in den privaten Beziehungen zwischen Deutschen und Italienern. Ich führe hier nur als Beispiel den Sportsgeist sehr vieler Deutscher an, die mir nach dem Sieg Italiens gegen Deutschland gratuliert haben und, noch mehr, nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft.

Auf dieser Basis müssen wir aufbauen, in dem jeder von uns von den Vorzügen und Fehlern des jeweils anderen lernt, und indem wir uns gegenseitig ermutigen, uns dort zu verbessern, wo wir Schwächen haben. In einem Punkt sollte indes Klarheit herrschen: Kritik deutscher Zeitungen gegenüber problematischen Aspekten der italienischen Realität ist willkommen, wenn diese Kritik objektiv ist und ehrlich; gleichzeitig ist es nur recht zu verlangen, dass die Deutschen die vielen positiven Aspekte der Realität unseres Landes kennen und in Gänze schätzen.

Wichtige Alliierte im Kampf gegen die Vorurteile sind vor allem die Jungen: Sie ignorieren Klischees und Abneigungen der vorangegangenen Generationen. Sie bewegen sich hurtig in ganz Europa und sie fühlen sich in jedem europäischen Land zu Hause; sie sind stolz auf ihre Herkunftskultur und achtsam mit der Kultur des Landes, das sie beherbergt. Den Deutschen gefällt das Wort Tugend, auf Italienisch „virtù“: Nun gut, so, wie es viele Deutsche voller Tugend gibt, so gibt es viele Italiener voller „virtù“.

Der Autor ist Botschafter Italiens in Berlin. Übersetzt aus dem Italienischen von Clemens Wergin

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