Meinung : ITB 2001: Kleine Fluchten

Gerd Nowakowski

Fünf Tonnen feinster weißer Sand aus Florida - eingeflogen zusammen mit 300 Muscheln aus dem warmen Atlantik. Daraus wird die größte Sandburg Deutschlands gebaut. Da staunt der brave Sylt-Urlauber mit seiner Mini-Schippe. Willkommen im größten Reisebüro der Welt, ab heute wieder unter dem Berliner Funkturm. Erstmals sind mehr als 10 000 Aussteller in den Messehallen zu finden - aus gutem Grund. Denn die Reiselust ist ungebrochen: Nahezu 100 Milliarden Mark haben die Deutschen im vergangenen Jahr für Reisen ins Ausland ausgegeben. Das sind sieben Prozent mehr als 1998. Weiße Flecken auf der Tourismus-Landkarte gibt es längst nicht mehr, die globalisierte Tourismus-Industrie kennt keine Länder mehr, sondern nur noch Angebotsstrukturen und Marktsegmente.

Die umworbenen Kunden haben sich auf die Fülle des Angebots eingestellt. Die Bundesbürger verkürzen die Dauer ihrer Haupturlaubsreise stetig - für die Tourismusforscher eine Reaktion auf die schneller und hektischer gewordene Lebensweise. Drei, oder gar vier Wochen mit Kind und Kegel irgendwo in der Ferienfrische die Seele baumeln lassen - vorbei. Inzwischen dauern die schönsten Wochen des Jahres durchschnittlich nur noch zwölf Tage. Immer kürzer, dafür immer häufiger.

Zu kurz kommt bei den Turbo-Ferien nicht nur die körperliche Erholung. Naht das Urlaubsende, beginnt nach Meinung der Mediziner die Regeneration erst richtig. Und für die im häuslichen Alltag immer mehr strapazierte Familie wird es zunehmend schwieriger, in den Urlaubstagen zueinander zu finden. Die aus Jugendzeiten erinnerten Familienferien, als der Vater die Rest-Familie mit Museumsbesuchen oder sportlicher Ertüchtigung nervte, gibt es nicht mehr. Wer kürzer als zwei Wochen am Stück verreist, gibt dem Familientyrannen gar nicht erst die Chance, auf den Nerven der Liebsten herumzutrampeln. Ein Zugewinn an Ferienfreiheit, keine Frage. Aber auch ein Verlust an Familie - sogar im Urlaub.

Abschalten von der täglichen Hektik durch Tapetenwechsel ist die Devise. Und die Tapete muss schön bunt sein. Wer nur zwei Wochen fährt, der will Unterhaltung bis zum Abwinken und hat auch beste Vorsorge getroffen, nicht zu viel von den Realitäten seines Urlaubslands zu erfahren. Wer in Bali Urlaub macht, bekommt vom derzeit mörderischen Geschehen im indonesischen Inselreich in der Regel ebenso wenig mit wie der Strand-Urlauber am indischen Ozean von der Aids-Katastrophe in den afrikanischen Armutsländern.

Kontext:
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Das gilt nicht allein für die Familien. Denn der Reisende der Zukunft ist zunehmend weniger die Vater-Mutter-und-zwei-Kinder-Familie. Die Reisebranche wächst mit der Individualisierung der Gesellschaft. Das sind nicht nur die erlebnishungrigen Singles. Die großen Zuwächse werden vorerst noch nicht E-Commerce und die neuen Vertriebsmöglichkeiten durch das Internet bringen. Das Wachstumssegment werden die mobilen Alten, deren Renten noch sicher sind - und die fit genug sind, ihren Wohlstand zu genießen. Ihre Zahl wird in der älter werdenden Gesellschaft deutlich zunehmen. Die Reisebranche ist schon längst dabei, sich darauf mit neuen Angeboten einzustellen.

Wohin die Reise geht, scheint oft nebensächlich. Wie wenig Kunden bereit sind, Land und Leute wahrzunehmen, illustriert ein aktuelles Urteil des Landgerichts Kleve. Das morgendliche Krähen von frei laufenden Hähnen in der Türkei berechtigt nicht zur Minderung des Reisepreises, beschieden die Richter einen unzufriedenen Reisenden. Unterm Funkturm wird niemand belästigt: Krähende Hähne gibt es auf der ITB nicht.

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