Jahrestag der Auschwitz-Befreiung : Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung

Nicht nur unsere Vergangenheit verbindet uns miteinander, sondern auch unsere Zukunft. Es ist an uns, diese Zukunft im Geiste der Erinnerung zu gestalten.

Emmanuel Nahshon
KZ Auschwitz
KZ AuschwitzFoto: dpa

In den vergangenen Jahren, in denen ich als israelischer Diplomat in Deutschland tätig war, wurden mir eine Menge Fragen gestellt, die im Zusammenhang standen mit dem Wunsch vieler Deutscher, oder ihrer Hoffnung, die deutsche Vergangenheit und die Gräueltaten, die von Deutschen im Namen ihres Landes während des Zweiten Weltkrieges begangen wurden, in irgendeiner Form zu „bewältigen“. Die Begriffe, die verwendet werden, um diesem Wunsch Ausdruck zu verleihen, variieren: „Erlösung“, „Versöhnung“, „Sühne“. Und oftmals reflektieren sie eine mehr oder weniger religiöse Haltung gegenüber dem Prozess und seinen Zielen.

Am Anfang war ich überrascht und auch ein wenig schockiert, dass solche Fragen an mich gerichtet wurden. Als Israeli, als Jude, der zur zweiten Generation von Holocaust-Überlebenden gehört, verfüge ich nicht automatisch über Expertenwissen in diesem Bereich – und mit Sicherheit habe ich keine Autorität, irgendeine Art von Begnadigung auszusprechen oder gar eine Absolution zu erteilen. Ich wollte nicht zu einem Instrument in einem komplexen internen psychologischen Prozess werden, in dem ein „Reinigungsprozess“ möglicherweise Zweifel oder Schatten auf die Erinnerung an die Opfer wirft. Als Israeli konnte ich es auch nicht akzeptieren, dass diejenigen, die sich nicht mit ihrer persönlichen und der schwierigen Vergangenheit ihres Landes auseinandersetzen konnten oder wollten, mein Land in eine bestimmte Rolle drängten.

Später merkte ich, dass von mir nicht unbedingt verlangt wurde, Antworten zu geben, sondern mich an einem Prozess der Selbstbetrachtung zu beteiligen. Ich verstand, dass für viele Deutsche die Notwendigkeit, Solidarität und Verbundenheit mit den Opfern Nazi-Deutschlands zu bekunden und aktiv zu handeln, um die Erinnerung an sie zu bewahren, ebenso wichtig war wie die Notwendigkeit der Vergebung für die Verbrechen ihrer Vorfahren, wenn nicht noch wichtiger.

Ich habe dies immer wieder erlebt: Junge und alte Menschen retten vergessene Namen und verloren geglaubte Erinnerungen aus der Asche. Sie verlegen „Stolpersteine“, halten Gedenkzeremonien ab, organisieren Schulprojekte oder starten Initiativen, um die Opfer wieder in die Zusammenhänge ihres früheres Leben zurückzubringen. Sie tun dies nicht, um sie wieder zum Leben zu erwecken, sondern um ihrer in Würde zu gedenken. Ich habe gesehen, wie uns diese Momente zusammenbringen. Ich habe die Emotionen erlebt, die wir gemeinsam bei den Zeremonien zum Gedenken an die Taten der „Gerechten unter den Völkern“ empfinden. Dabei scheinen sich die Barrieren oder Unterschiede zwischen „uns“ und „ihnen“ aufzulösen.

Das religiöse Konzept von Begnadigung und Erlösung betrachte ich mit Unwohlsein. Im wirklichen Leben gibt es keinen „Zauberstab“, der Verbrechen oder Sünden verschwinden lässt, als ob sie nie existierten. Andererseits bin ich überzeugt davon, dass Erlösung existiert, wenn man Erlösung als permanenten und konstanten menschlichen Prozess betrachtet, als einen Prozess, der Mut und Ehrlichkeit erfordert und der auf Dialog und Erinnerung basiert. Mehr als einmal habe ich gesehen, wie Überlebende die Familien ihrer Retter umarmten, wie Mitglieder derselben deutschen Familie, die sich noch nie zuvor begegnet waren, durch das Gedenken an ihren verstorbenen Vorfahren, einen „Gerechten unter den Völkern“ in Wehrmachtsuniform, zusammengeführt wurden.

Und ich habe erlebt, wie israelische und deutsche Soldaten gemeinsam an einer Zeremonie in einer KZ-Gedenkstätte teilnehmen. All diese Momente sind Teil des niemals endenden Prozesses der Erlösung, den wir anstreben sollten. Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung. Dieser Ausspruch wird Rabbi Israel Ben Eliezer zugeschrieben, dem Begründer des chassidischen Judentums in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Dieser Satz ist eingraviert in eine Wand der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und erscheint auf allen Urkunden der „Gerechten unter den Völkern“.

Es hat lange gedauert, bis ich diesen Text schreiben konnte: weil es nicht einfach war, zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass nicht nur unsere Vergangenheit uns miteinander verbindet, sondern auch unsere Zukunft. Es ist an uns, diese Zukunft im Geiste der Erinnerung zu gestalten.

Der Autor ist Gesandter der Botschaft des Staates Israel in Berlin.

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