Jahrestag des Amoklaufs : Winnenden und die Killerspiel-Lobby

An diesem Donnerstag jährt sich der Amoklauf von Winnenden. Am 11. März 2009 erschoss der 17-jährige Tim K., ein Waffennarr, insgesamt 15 Menschen. Tim war auch ein Fan von interaktiven gewaltlastigen Computerspielen. Dennoch war der erste Reflex nach der Tat: Bloß kein Verbot dieser Spiele!

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Mit einer Vehemenz, die an Heroin-Junkies erinnert, denen gerade die Spritze entzweigebrochen ist, während das Dope über der Kerze brodelt, wurde zum immergleichen Counterstrike ausgeholt: Sind doch bloß Spiele, macht doch jeder, Verbote bringen nichts, Zusammenhang mit erhöhter Gewaltneigung ist nicht einwandfrei nachgewiesen.

Die aggressive Leidenschaft der Killerspiel-Gemeinde überrascht nicht. Denn diese Gemeinde ist groß, gut organisiert und als Lobby fast ebenso stark wie die Pharmaindustrie, die Automobilbranche oder der so genannte militärisch-industrielle Komplex. Seit dem Erfolg der Piratenpartei schließlich und der erfolgreichen Kampagne gegen "Zensursula" von der Leyens Kinderschänder-Webseiten-Sperrungs-Initiative ist klar: Die Politik hat vor dieser Macht kapituliert. Keine geistig-politische Wende wird daran etwas ändern.

Deshalb wollen wir weder Jammern noch Pamphletisieren, sondern zum Jahrestag nur die Mutter eines der Opfer hören. Die Referendarin Nina Mayer war 24 Jahre alt, als Tim K. sie tötete. Ihre Mutter, Gisela Mayer, engagiert sich seitdem im Aktionsbündnis Winnenden. Über die Zeit nach dem Attentat hat die 52-jährige Ethik-Dozentin ein Buch geschrieben. Es heißt "Die Kälte darf nicht siegen" (Ullstein). Sie schreibt: "Meine Tochter wurde von fünf Kugeln getroffen. Er hat noch auf sie geschossen, als sie längst auf dem Boden lag."

Auch zum Thema Killerspiele äußert sich Gisela Mayer. Christoph Gurk hat ihre Gedanken darüber für die "tageszeitung" (2. März 2010) protokolliert: "Um die Killerspiele ist es heute leider still geworden, für mich ist das eine Enttäuschung. Mir war zwar klar, dass die Versprechungen der ersten Tage in dieser Form nicht eingehalten werden. Aber es provoziert ungeheuer, dass man so schnell zur Ruhe zurückgekehrt ist, zu so einer selbstzufriedenen Haltung. Das ist verletzender als manches andere, weil man diese Selbstzufriedenheit nicht begreifen kann. (…)

Wir sind wahnsinnig vorsichtig, wenn es um unsere Kinder geht, wir passen auf mit Nikotin und Schadstoffen, das Spielzeug hat extra abgerundete Ecken und überall gibt es Jugendschutz. Trotzdem lassen wir zu, dass unsere Kinder sich stundenlang damit beschäftigen, wie man andere Menschen umbringt. Und dann erwarten wir, dass es sie überhaupt nicht verändert, nicht betrifft! Das ist eine grenzenlose Gleichgültigkeit und Naivität. Die Jugend muss man vor so etwas schützen, und das geht nicht, indem man bunte Märkchen auf Packungen klebt und sagt: Jugendfreigabe ab 18. Aber dahinter steht einfach eine Wirtschaftsmacht. (…)"

Besser kann man es nicht sagen. Wer auch gegen Gisela Mayer noch protestieren will, der trete vor und schweige!

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