Jahresvorschau : Und noch ein Ausblick – weil so viel zusammenkommt

Angefangen von der Varusschlacht bis zu Darwins Geburtstag: Das Ende der Geschichte wird verschoben.

Bernd Matthies

Alles traurig im Jahr 2009? Nein – es gibt mit Sicherheit auch in diesem komplizierten Jahr allerhand zu feiern. Das 100. Jubiläum von Borussia Dortmund zum Beispiel wird den Pott erschüttern, da mag es draußen auf der Maloche so schlecht aussehen, wie es will. Doch das ist eher ein Nebenschauplatz, denn der Rest des Jubilierens und Erinnerns wird getragener, pessimistischer ausfallen, zumal im stets depressiv angehauchten Deutschland. Oder hat irgendein Jahr der näheren Vergangenheit unter schlechteren Voraussetzungen angefangen, mit senkrecht nach unten gerichteten Wirtschaftsprognosen für die ganze Welt, mit Krieg an Israels Grenzen und Terrordrohungen für jeden halbwegs zivilisierten Ort?

Es kommt allerhand zusammen im neuen Jahr. Kunst und Krieg, Kultur und Krise, alles dabei beim Blick auf Geschehenes. Ohnehin: die Neun am Ende. Waren nicht viele dieser Jahre so etwas wie deutsche Schicksalsjahre? Selbst wenn wir die Varusschlacht, deren 2000. Jubiläum in diesem Jahr gefeiert wird, mit ihren offenen Fragen im Dunkel der niedersächsischen Wälder belassen, bleibt allein aus dem 20. Jahrhundert mehr als genug zum nachdrücklichen Gedenken. 1919: Weimarer Reichsverfassung. 1929: Gipfel der Weltwirtschaftskrise. 1939: Kriegsbeginn. 1949: Ende der Blockade, Gründung der Bundesrepublik, Verkündung des Grundgesetzes. 1969: Willy Brandt wird Kanzler. 1989: Fall der Mauer.

Dann die kulturellen Ecksteine. 500. Geburtstag Johannes Calvins, 250. Todestag Händels, 250.Geburtstag Schillers, 200. Geburtstag Mendelssohn-Bartholdys, 150.Todestag Alexander von Humboldts, und dazu der 200. Geburtstag von Charles Darwin, dessen Lehre vom Überleben der stärksten, am besten für die Herausforderungen der Evolution gerüsteten Spezies geradezu wie ein Leitmotiv der aktuellen Weltwirtschaftskrise wirkt: Zukunft für die schnellen, flexiblen Macher mit dem aufrechten Gang und dem großen Gehirn, Absturz für die dicken, unbeweglichen Dinosaurier, für Lehman Brothers, General Motors, womöglich sogar Gefahr für einen Vorzeigekonzern wie Toyota, dessen Management offenbar nicht einmal gravierende Fehler gemacht hat.

Interpretationen, Parallelen in der Vergangenheit, echte oder vermeintliche Lehren sind schnell gefunden, und es bedarf schon eines besonders realitätsbezogenen Weltbilds, um zu akzeptieren, was hingeschrieben so furchtbar banal ausschaut: Prognosen sind schwer, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.

So oder so sieht es nach einer Unzahl schwerblütiger Festveranstaltungen aus, nach langen staatstragenden Reden, untermalt vom Klang der allfälligen Streichquartette – denn zufällig feiern wir auch den 200.Todestag Joseph Haydns, der uns unabsichtlich die Noten der Nationalhymne hinterlassen hat, jene zarte Melodie, die sich dem aus Neonazikehlen gegrölten „Deutschland, Deutschland über a-hal-les“ ebenso willig unterwirft, wie sie „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ins schlechthin Erhabene transportiert.

So widersprüchlich wie das Schillern der drei Strophen sind auch die Jubiläen der Neuner-Jahre. Sie bieten uns inhaltlich eine Mixtur, die uns teutonische Zahlenmystiker ebenso zu Depressionen wie beglücktem Aufseufzen veranlassen mag: Viel Übles dabei – aber sind nicht gerade die beiden mit dem geteilten und wieder vereinigten Deutschland verbundenen Jahrestage ein Grund zur Freude, ein klares Zeichen, dass die Geschichte nicht immer automatisch ihrem dicken Ende entgegenstrebt?

Es geht uns, allen Verwerfungen zum Trotz, gut mit unserem Staat seit 1949, und nach 1989 zumindest nicht schlechter, das ist eine Basis, die wir beim getragenen Jubilieren nicht aus den Augen verlieren sollten. Seit 1989 haben wir den Mauerfall jedes Jahr mehr oder weniger ergriffen gefeiert; die Gesetze der demokratischen Mediengesellschaft sehen vor, dass die Lautstärke des Gedenkens zum 20.Jahrestag mindestens so hoch zu sein hat wie zum 10. und fast so hoch wie zum 50. Also wird man uns auf allen Kanälen wieder und wieder zeigen, wie Günter Schabowski auf seinen historischen Zettel blickt, wie die ersten Mauersegmente hochgezogen werden, wie die Trabis und Wartburgs mit ihren glücklichen Insassen den Kurfürstendamm ansteuern. Dokumentationen, Spielfilme und, nun ja, „Event-Movies“ zum Thema sind abgedreht, und einer dieser Filme, bei RTL, spielt konsequent das immer wieder gern genommene Szenario durch: Konflikte zwischen Ost- und Westdeutschland eskalieren in einem neuen Mauerbau. Was passiert dann?

Dass das in der Realität nicht passiert, wird man bei aller Schwarzseherei mit hoher Sicherheit voraussagen können. Doch wie steht es sonst ums Land? Das aktuelle Problem besteht darin, dass wir vor gewaltigen Herausforderungen stehen, die sich nur bedingt mit der notorischen Regierungslosigkeit von Wahljahren in den Griff bekommen lassen. Und 2009 ist ein Superwahljahr, das Kommunen und Landtage ebenso erfasst wie im Juni Europa und, vor allem, am 27. September den Bundestag. Man muss kein auf allen TV-Kanälen erprobter Politologieprofessor sein, um zu wissen, dass wir unter diesen Rahmenbedingungen statt entschlossenem, zielbewusstem Handeln auf allen Ebenen meist nur Dauerwahlkampf mit oft offenem Ergebnis bekommen werden und Koalitionsverhandlungen statt Problemlösungen. Hessen fängt an – und wird, so wie es im Moment aussieht, das rar gewordene Modell des Bürgerblocks aus CDU und FDP auf die politische Bühne zurückbringen und damit eine Konstellation, die im Gedächtnis der Bundesrepublik je nach Blickwinkel für Stabilität steht oder auch für Stagnation, jedenfalls nicht für die Vorwärtsbewegung der Linken, die in Sachsen, Thüringen und dem Saarland eine größere Rolle spielen dürfte.

Das Ende der Geschichte jedenfalls, das vor 20 Jahren nach der vermeintlichen Abschaffung des kommunistischen Systems und dem gloriosen Sieg der Marktwirtschaft gekommen schien, ist wieder einmal auf die nächsten paar Jahrhunderte verschoben. Auch das Ende der Welt, das unsere Klimaphobiker so inbrünstig befürchten wie die Kapitalismusskeptiker – es wird 2009 ebenso auf sich warten lassen wie in den Jahrmillionen zuvor. Nicht einmal die banalste Frage 2009 – Wie wird das Wetter? – ist mit einem Hauch von Seriosität zu beantworten, da helfen die größten Computer nicht. 2008 war in Deutschland ein sehr warmes Jahr, weltweit aber das kälteste der Dekade. Was immer das bedeutet – es scheint, dass unser Land in den Wirren der Geschichte immer gern einen Sonderweg befährt. Klare Prognose: 2009 wird ein deutsches Schicksalsjahr. Oder auch nicht.

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