Jan Böhmermann und Clausnitz : Der Verbreitungskünstler

Jan Böhmermann teilt ein Video einer rechten Facebookseite und plötzlich ist es viral. Der Comedian wird zunehmend Aktivist und Intellektueller.

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Der Moderator Jan Böhmermann entwickelt sich zum Verbreitungskünstler.
Der Moderator Jan Böhmermann entwickelt sich zum Verbreitungskünstler.Foto: dpa

Auf Facebook kursieren gerade Wahl-Plakate mit skurrilen Thesen: „Chantalle Eichmann, Parteimatratze“ fordert etwa „Wahre Fakten! Können Moslems durch Wände gehen? Wird's bald?!?!?!?!“. Du-für-deutschland.de steht klein am unteren, rechten Rand.

Ein Wahlplakat-Generator, der genau das persifliert: Den unteren, rechten Rand. „Fakten ausdenken muss Menschenrecht werden! Ich zähl bis drei!“ fordert „Dustin Göring, der Bundesbarista“. Die Wahlplakate sind optisch den AfD-Plakaten nachempfunden, inhaltlich dem, was Teile ihrer Anhängerschaft und Parteikader in Sozialen Medien streuen.

Dahinter steht der Comedian Jan Böhmermann. Der 34-Jährige hat sich in den vergangenen Monaten – mehr als schon zuvor – zu einer der meist rezipierten öffentlichen Figuren entwickelt. Immer wieder mischt er sich über Soziale Medien in aktuelle Debatten ein. Auch in der Flüchtlingsfrage positioniert er sich: Er fällt nicht unbedingt als Fürsprecher für Flüchtlinge auf – aber dafür sehr als Gegner der Flüchtlingsgegner.

Clausnitz und das "Volk"

Er mokiert sich in seiner Radiosendung über AfD-Proleten, gerne mit imitiertem sächsischem Akzent. Er brüllt Parolen ins Mikrofon – vom „Asylwahnsinn in der BRD GmbH“ über den „Ausländer-Sexmob“ oder „Meinungsfreiheit – außer für die anderen“, inspiriert vom verbalen Auswurf, den man auf Facebook-Seiten lesen kann, die den Widerstand gegen „Merkel-Wahnsinn“ ankündigen.

So auch die Seite „Döbeln wehrt sich – Deine Stimme gegen Überfremdung“, die ein Video teilte, in dem 100 aufgebrachte Menschen „Wir sind das Volk“ skandierend einen Bus mit ankommenden Flüchtlingen umzingeln. Durch die Frontscheibe sieht man weinende Kinder. Am Donnerstagabend war der Bus in der sächsischen Gemeinde Clausnitz angekommen. Die wütende Menge schüchterte die Insassen des Busses ein, zwei Stunden mussten sie darin verharren, bis die Polizei sie befreite.

Böhmermann teilte das Video am Freitag um 8:50 Uhr. Und es ging sofort viral. Bereits vormittags war #clausnitz der meistgesuchte Begriff auf Twitter, „Döbeln wehrt sich“ löschte erst das Video, dann ihre gesamte Seite. Böhmermann hatte das Video aber zuvor gespeichert, postete es gegen 12 Uhr noch einmal und lud es auf seinem YouTube-Kanal hoch.

Auf Twitter und Facebook folgen ihm jeweils eine halbe Million Menschen. Die Reichweite ist enorm, vor allem für einen Komiker, der seine Witze nicht simpel, sondern immer in der zweiten Ableitung serviert. Er nutzt diese Macht und verbreitet manchmal lustige, manchmal schockierende Inhalte, manchmal einfach nur Selfies vor einem Dönerladen. In der aufgeheizten Stimmung des Landes, mit seinen strategischen Diskursen und faktenflexiblen Parolen schafft es Böhmermann als einer der wenigen, mit kluger, unverkopfter Satire ein wenig die Luft aus dem Kessel zu lassen. Und ihn dann anzuheizen, wenn es sein muss.

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