Meinung : Japan: Euphorische Japaner, skeptische Börse

Christoph von Marschall

Das könnte den Deutschen bekannt vorkommen: Die Partei gilt als rückwärtsgewandt, ist in den Augen vieler Bürger nicht bereit zu mutigem Umdenken. Der Spitzenkandidat aber ist ein Publikumsliebling, hat das Image eines Reformers ganz auf der Höhe der Zeit - obwohl er bisher nicht so richtig klar gemacht hat, wo er ansetzen und was er konkret ändern möchte.

Damit enden aber die oberflächlichen Parallelen zwischen Japans Wahlsieger Junichiro Koizumi und Gregor Gysi. Die PDS will erst an die Macht, und wenn Gysi ihr den Weg dorthin ebnet, wird es wenig Widerstand gegen eine pragmatische Politik unter den Parteikadern geben, selbst wenn diese sich gegen das Parteiprogramm richtet.

Koizumis LDP war seit Jahrzehnten an der Macht. Sie hätte längst mit konsequenten Reformen einen Ausweg aus der sich hinziehenden Krise der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt suchen können - wenn sie dazu bereit wäre. Koizumi muss mit hinhaltender Gegenwehr aus den eigenen Reihen rechnen, wenn er demnächst sein Reformprogramm vorstellt. Vorerst hat der Mohr seine Schuldigkeit getan: Mit seiner Popularität, die der erst seit April amtierende Regierungschef seinem unkonventionellen Auftreten verdankt - Lockerheit und ungefärbtes, für japanische Verhältnisse fast ungebändigtes Haar - hat er der LDP eine beruhigende Mehrheit beschert.

Dieser unerwartet klare Erfolg stärkt seine Autorität, könnte ihm also auch einen gewissen Handlungsspielraum gegenüber seiner zögernden Partei verschaffen. Nur: Die programmatische Unklarheit bis zum Wahltag war nicht allein den Beharrungskräften in der LDP geschuldet. Auch der Rückhalt unter den Bürgern dürfte sich verringern, sobald die allgemeinen Reformversprechen in Politik umgesetzt werden.

Neuanfang, Aufbruchsstimmung, Aufschwung - das klingt in allen Ohren gut. Sparprogramme und Einschnitte, die ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen in ihrem Portemonnaie spüren, sind weniger populär. Die verheißene Belohnung aber, dass die Wirtschaft wieder in Schwung kommt, wovon irgendwann alle Bürger profitieren - die dürfte noch einige Jahre auf sich warten lassen. Die schwerste Aufgabe steht Koizumi noch bevor. Und diese Einsicht erklärt wohl auch das ungewöhnliche Phänomen an der Börse, die doch üblicherweise mit steigenden Kursen auf klare Wahlsiege von Reformern reagiert. Der Euphorie der Bürger zum Trotz sank der Nikkei-Index nach Koizumis Überraschungserfolg auf den tiefsten Stand seit 16 Jahren.

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