Japan : Fukushima: Schlimmer geht immer

Die Ausrufung der höchsten Unfallstufe in Fukushima war verfrüht, meint Alexander S. Kekulé. Die Hochstufung erinnert an die Ausrufung der höchsten Pandemiestufe bei der "Schweinegrippe": Die Erklärung hat eine falsche Signalwirkung.

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Die zerstörten Reaktorgebäude 1 und 2 des AKW Fukushima. Bisher hieß es nur in Reaktorblock eins sei es zu einer Kernschmelze gekommen. Nun bestätigt der Betreiber Tepco, dass die Brennstäbe auch in den Blöcken zwei und drei geschmolzen seien.Weitere Bilder anzeigen
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24.05.2011 07:40Die zerstörten Reaktorgebäude 1 und 2 des AKW Fukushima. Bisher hieß es nur in Reaktorblock eins sei es zu einer Kernschmelze...

Seit gestern gehört Fukushima offiziell zur schwersten Kategorie von Kernkraftwerksunfällen. Die vorher mit Stufe 5 bewertete Havarie steht jetzt auf Stufe 7 der Skala der Internationalen Atombehörde IAEO, genauso wie die Katastrophe von Tschernobyl. Da die Skala logarithmisch ist, muss das Ereignis 100 Mal schlimmer sein als bislang angenommen. Wie kam es zu dieser Korrektur der bisherigen Bewertung?

Die naheliegende Vermutung wäre, dass die japanischen Behörden die Lage aufgrund neuer Informationen gefährlicher einschätzen – oder bisher die Öffentlichkeit getäuscht haben, wie es Umweltschützer schon länger vermuten. Vergangene Woche wurden Einzelheiten aus einem vertraulichen Bericht der US-Atomaufsicht NRC (Nuclear Regulatory Commission) bekannt, der vom Betreiber Tepco veröffentlichte Daten korrigierte und schwere Fehler bei der Bekämpfung der Havarie aufzeigte. (Auf Tagesspiegel.de wurde der Originalbericht veröffentlicht.) Auch die aktuellen Nachbeben verschlechtern die Aussichten auf ein glimpfliches Ende des Desasters.

Tatsächlich hat die Hochstufung des Fukushima-Unfalls mit den aktuellen Problemen jedoch nichts zu tun. Die Japaner haben lediglich noch einmal neu geschätzt, wie viel Radioaktivität bei den Explosionen vom 12. bis 15. März freigesetzt wurde. Da sie auf kurzfristige Höchstwerte von bis zu 10.000 Terabecquerel (Billionen Becquerel) pro Stunde kamen, sind nach Meinung der japanischen Atomaufsicht seit Beginn der Katastrophe insgesamt 370.000 bis 630.000 Terabecquerel in die Atmosphäre ausgetreten. Ab etwa 50.000 Terabecquerel (der Wert wird auf Jod-131 umgerechnet) gilt gemäß IAEO-Definition die höchste Stufe 7 der nuklearen Unfallskala.

Diese Hochstufung erinnert an die Ausrufung der höchsten Pandemiestufe durch die Weltgesundheitsorganisation bei der „Schweinegrippe“: Auch wenn die Rechnung formal korrekt ist, hat die Erklärung der maximalen Alarmstufe eine falsche Signalwirkung. Erstens wird suggeriert, die Lage habe sich verschlimmert, obwohl in Fukushima nur noch ein Bruchteil der Radioaktivität aus den Anfangstagen der Havarie entweicht. Zweitens hinkt der Vergleich mit Tschernobyl (das bei der IAEO-Definition als Prototyp für Stufe 7 galt), denn die radioaktive Belastung der Umgebung war 1986 in der Ukraine mehr als 10.000-fach höher. Zudem ist Plutonium, das um Tschernobyl weite Landstriche kontaminierte, in Fukushima nur in Spuren ausgetreten. Drittens bedeutet maximale Gefahr, dass es nicht schlimmer kommen kann – und das wäre der folgenschwerste Irrtum.

Durch den NRC-Bericht wurde aufgedeckt, dass Tepco in Reaktor 1 dem Kühlwasser keine Borsäure beimischt – dies wäre aber notwendig, um ein Wiederanspringen der nuklearen Kettenreaktion (Re-Kritikalität) zu verhindern. Auch die Einleitung von Stickstoff zur Verhinderung von Explosionen, mit der erst jetzt begonnen wurde, gehört eigentlich zum Standardprogramm für derartige Situationen. Weiterhin sind die Reaktorstäbe hier wahrscheinlich schon lange im Trockenen, und nicht zur Hälfte mit Kühlwasser bedeckt, wie Tepco behauptete. Hinzu kommt die Behinderung der Instandsetzungsarbeiten durch radioaktives Wasser und Nachbeben.

Es gibt deshalb naheliegende Szenarien für eine Verschlimmerung der Lage über die erklärte „höchste Stufe“ hinaus. Zum Beispiel könnte ein Nachbeben oder eine erneute Wasserstoffexplosion die Schutzhülle (Containment) eines Reaktors zum Bersten bringen oder das Abklingbecken in Block 4 vollständig zerstören. Im Gegensatz zu Tschernobyl gibt es in Fukushima für den Fall der Fälle jedoch keinen Plan B: Weil das japanische Akw direkt am Meer liegt, kann die Radioaktivität nicht einfach mit Beton zugeschüttet werden. Das Kanalsystem unter den Reaktoren mit einem „Sarkophag“ zur Meerseite und zum Grundwasser hin abzudichten ist so gut wie unmöglich.

Möglicherweise muss die Unfallskala der IAEO aufgrund der aktuellen Erfahrungen neu definiert werden. Die Erklärung der höchsten nuklearen Unfallstufe indes war auf jeden Fall verfrüht – denn es könnte noch viel schlimmer kommen.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. Seine Kolumne „Die tägliche Dosis“ erscheint unter www.tagesspiegel.de/fukushima.

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