Jean Benjamin, Erzbischof Bagdad : "Auswandern ist keine Lösung"

Jean Benjamin Sleiman ist der Erzbischof von Bagdad und will bleiben, und wenn er der letzte Christ dort wäre. Ein Porträt.

Claudia Keller
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Foto: dpadpa

Der Kirchenmann ist unruhig. Nervös zupfen seine Finger an den Papieren vor ihm auf dem Tisch. Eine Stunde hat er Zeit, um an diesem Donnerstag Journalisten in Berlin zu erklären, wie die Lage der Christen im Irak ist. Wie soll er erzählen vom Leben in Todesangst?

Jean Benjamin Sleiman, 63 Jahre alt, ist der Erzbischof von Bagdad. Auf Einladung der Caritas ist er für ein paar Tage in Europa unterwegs, um mit Politikern und Hilfsorganisationen zu sprechen.

„Die Lage der Christen im Irak ist dramatisch“, sagt er und versucht ein freundliches Lächeln. Eigentlich will er beschwichtigen und nicht durch seine Aussagen im Ausland Öl ins Feuer gießen. Deshalb schiebt er gleich hinterher, dass die Zahl der Anschläge im Irak insgesamt gesunken sei, allerdings nicht die Anzahl der Attacken gegen Christen.

Erst am 12. Juli verübten Unbekannte Anschläge auf sieben Kirchen. Vier Gläubige starben vor der Marienkirche in Bagdad, als nach dem Gottesdienst eine Autobombe explodierte, 30 Menschen wurden verletzt. Bei anderen Angriffen im Großraum Bagdad wurden Dutzende weitere Christen verletzt. „Bislang hat sich keine Gruppe zu den Attacken bekannt“, sagt Sleiman und schüttelt den Kopf. Lächeln geht jetzt nicht mehr. „Wir wissen nichts.“ Auch wer hinter der Entführung des Erzbischofs von Mosul im März 2008 steckte, sei nicht geklärt. Kurz nach der Entführung wurde der Bischof tot aufgefunden. Immer wieder sind seitdem Christen in dem vorwiegend sunnitischen Mosul umgebracht oder bedroht worden. Etwa die Hälfte der 1,2 Millionen Christen hätten das Land verlassen, viele würden sich verstecken.

„Offiziell sagt im Irak niemand, dass das ein Genozid ist“, sagt der Erzbischof. „Aber faktisch ist es wohl so.“ Nun bricht die Bedrängnis doch aus ihm heraus. „Es ist, als ob man in einem Haus ohne Dach lebt. Wenn die Sonne scheint, ist es schön. Wenn es stürmt, ist man schutzlos.“ Die irakische Regierung habe wenig Autorität. Es herrsche Anarchie. Und doch sagt Sleiman: „Auswandern ist keine Lösung.“ Dass die Europäer bis zu 10 000 irakische Christen aufnehmen wollen, sieht er mit Skepsis. Es sei nicht gut, wenn die Christen den Irak verlassen. Sie gehören seit 2000 Jahren dazu. „In den USA ist die ganze Welt zu Hause. Und wir schaffen das nicht mit drei Gruppen?“ Das könne nicht sein. Er werde bleiben – und wenn er der letzte Christ in Bagdad wäre. 

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