Meinung : Jede Menge Zuneigung

„Fünf Jahre Lesepaten im Bürgernetzwerk / Tagesspiegel macht mit bei VBKI-Projekt“ vom 26. Mai

Ein sehr interessantes Projekt, das Sie da mit Ihren Journalisten vorhaben. Sie werden das feststellen, was auch ich als Lesepatin feststellen musste: Man geht hin, weil man denkt, man bringe Kindern das Lesen bei und muss sie doch da abholen, wo sie sind: Viel mehr Kinder als man vorher glaubte, sind ADS-, ADHS-gestört und haben einen ungeheuren Bewegungsdrang. Nicht wenige sitzen schon im Grundschulalter unbegrenzte Zeit vor dem Computer wie die Eltern unbegrenzte Zeit vor dem Fernseher und Computer verbringen. Von ihrem Umfeld wissen diese Kinder nichts: Sie kennen keine Tiere wie einheimische Säugetiere, Vögel, Insekten oder Pflanzen und nehmen diese auch nicht bewusst wahr. Sie kommen mit schmutzigen Sachen und ohne Frühstück zur Schule. Sie sind zu müde, um irgendwie aufnahmefähig zu sein. Sie wissen auch in der sechsten Klasse noch nicht, was man unter guten Umgangsformen versteht.

Aber: Als Lesepate bekommt man jede Menge Zuneigung von den Kindern. Sie lieben interessante Geschichten, auch wenn das Lesen Mühe macht. Sie Interessieren sich für Zeitungsartikel mit Themen, die sie betreffen, und lesen die kleine Schrift mit Begeisterung. Bei vielen platzt nach ein, zwei Jahren der Knoten und sie beginnen – auch dank der unermüdlichen Anstrengungen der Lehrer – sich Bücher aus der Stadtbücherei zu besorgen, da sie leider keine eigenen Bücher besitzen. Ich werde auf den Gängen und in den Pausen angesprochen und nach Büchern gefragt. Einige der Kinder mit bildungsfernem Hintergrund (nicht nur Ausländer) versuchen durch Leseübungen ein leichteres Leben in der Schule zu bekommen, wofür ein flüssiges Lesen Voraussetzung ist. Diese Kinder sind allesamt liebenswert und einzelnen können wir durch unseren gemeinsamen Anstrengungen ein kleines Stück weiterhelfen. Ich mache das jetzt seit drei Jahren und habe viele nette Erlebnisse gehabt, z. B. als ich einmal krank war, als ich Geburtstag hatte, als ich zu Weihnachtsfeiern eingeladen war und ich sage Ihren Reportern: Es lohnt sich für jedes einzelne Kind zu kämpfen.

Regina Kröning,

Berlin-Falkenhagener Feld

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