Meinung : „Jede Stimme unterstützt den Widerstand“

Andrea Nüsse

Der kleine, rundliche Marwan Barghuti ist das Zugpferd der Fatah-Bewegung, obwohl er ihr schon einmal den Rücken gekehrt hatte. Der seit 2002 in Israel einsitzende Mann ist einer der populärsten Palästinenser und führt nun die Fatah-Liste bei den Parlamentswahlen an. Dazu kam es aber erst, nachdem der 1996 ins Parlament gewählte Barghuti eine eigene Liste gegründet hatte („Zukunft“), um gegen die so genannte alte Garde, darunter viele korrupte, unfähige Politiker der Arafat-Riege, zu protestieren. Sie werden dafür verantwortlich gemacht, dass die Fatah in den vergangenen zehn Jahren ihrer Alleinherrschaft viel Ansehen verloren hat. Um eine Spaltung zu verhindern, wurden die meisten Langzeitfunktionäre daraufhin von der Parteiliste ausgeschlossen und müssen sich als Direktkandidaten dem Urteil der Bevölkerung stellen.

Dies ist nur der jüngste Sieg des einflussreichen Barghuti, der kein Intellektueller, sondern ein Mann der Straße ist, mit offenem Ohr für die Jugend. Er gilt als nicht korrupt, und seine Kritik an der Autonomiebehörde und auch seinem „Boss“ Jassir Arafat brachte ihm Sympathien ein. Obwohl erst 46 Jahre alt, gehört er zum Urgestein der Fatah innerhalb der besetzten Gebiete: Seit seinem 15. Lebensjahr ist er Mitglied, saß sogleich im Gefängnis, organisierte die erste Intifada, bis Israel ihn des Landes verwies und er sieben Jahre ins jordanische Exil musste. Später unterstützte Barghuti den bewaffneten Widerstand gegen die Besetzung, sprach sich aber gegen Anschläge auf israelische Zivilisten aus. Doch seine Ansichten verschwammen, nachdem der militante Flügel der Fatah, die Al-Aksa-Brigaden, auch Anschläge in Israel verübten.

Doch selbst aus dem Gefängnis heraus, wo er eine fünffache lebenslange Strafe für angebliche Verwicklung in Anschläge absitzt, zieht Barghuti, dessen 21-jähriger Sohn Kassam ebenfalls in israelischer Haft sitzt, die Fäden: Er brachte den einseitigen palästinensischen Waffenstillstand 2003 zustande. Möglicherweise um die Fatah gegenüber der starken, islamistischen Hamas zu stärken, erlaubte Israel nun zwei arabischen Fernsehsendern Interviews mit dem Spitzenkandidaten in seiner Einzelzelle: Im braunen Gefängnisanzug rief er die Palästinenser zur Wahl und seine Anhänger zum Respektieren des Ergebnisses auf. Seine Mutter stimmte dieser Auftritt traurig. „Ich habe geweint, als ich ihn im Fernsehen sah“, sagte die 82-jährige Frau, die nördlich von Ramallah lebt.

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