Meinung : „Jede Veränderung ist willkommen“

Andrea Nüsse

Der syrische Bürgerrechtler Michel Kilo hat schon schärfere Kritik am Regime in Damaskus geübt. Doch der 66-Jährige wurde nun in der syrischen Hauptstadt festgenommen, nachdem er am Donnerstag eine Petition unterzeichnet hatte, in der 274 Intellektuelle aus Libanon und Syrien zur Neuordnung des Verhältnisses zwischen dem großen Nachbarn Syrien und dem kleinen Libanon aufrufen. Eine klare Absage an den Traum von Großsyrien. Seit der Unabhängigkeit beider Länder gibt es keine diplomatischen Beziehungen, weil Syrien das Nachbarland als sein Einflussgebiet ansieht und bis 2005 etwa 20 000 Soldaten im Land stationiert hatte.

Die harsche Reaktion des syrischen Regimes ist umso erstaunlicher, als der syrische Außenminister Walid Muallem im Mai den Austausch von Botschaftern zwischen beiden Ländern als „im Prinzip akzeptabel“ bezeichnet hatte. Dass der Christ Michel Kilo den Hardlinern im Regime ein Dorn im Auge ist, überrascht indes nicht. Der linke Bürgerrechtler, der in den 60er Jahren in München und Münster Publizistik und Volkswirtschaft studiert hat, gehört seit langem zu den schärfsten Kritikern des Regimes. Von 1980 bis 1983 saß er in Syrien im Gefängnis. Der kräftige Mann, der Journalisten in seiner bescheidenen Wohnung in Damaskus notfalls auch im winzigen Gästezimmer empfängt, wenn das Wohnzimmer durch Besuch der Familie belegt ist, fordert seit langem die Aufhebung des Ausnahmezustandes und die Freilassung politischer Gefangener. Dies schreibt er in arabischen Zeitungen, ansonsten übersetzt er deutsche Autoren.

Noch vor einem Jahr gab er sich optimistisch, dass die Protestbewegung eine „Mittelklassebewegung“ geworden ist, die nicht mehr als „Zwerge und ausländische Agenten“ abgetan werden könne. Die Einmischung von außen sieht Kilo nuanciert: Eine sanfte Einmischung der Europäer, die auf die Achtung der Menschenrechte setzten und dem Land wirtschaftlich auf die Beine helfen könnten, sei hilfreich.

Aber vor einer „amerikanischen Demokratisierung“ hat Kilo Angst. Sie werde zu einer Stärkung der islamischen Kräfte führen, fürchtet er. Einen Nährboden dafür gebe es, da viele Syrer aus der Politik des „despotischen Laizismus“ in ihre private Religion geflohen seien. Kilo fühlt sich als syrischer Patriot – doch dafür wandert man auch im Jahr 2006 noch ins Gefängnis.

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