Meinung : Jedem seinen Flughafen

Die Berliner Airports boomen – jetzt will die CDU am liebsten alle offen lassen

Gerd Appenzeller

Wenn die Berliner nicht ein gewisses Beharrungsvermögen hätten, wären Ost wie West nicht so gut über die Jahre der Teilung hinweggekommen. Jenes Motto, mit dem die CDU vor fast einem halben Jahrhundert einmal Bundestagswahlen gewann, scheint in Berlin auch heute noch ein paar Freunde zu haben: „Keine Experimente“. Wer sich die Zahlen der Berliner Flughäfen für das Jahr 2006 anschaut und ein paar Wunschvorstellungen aus der Berliner CDU gegenschneidet, kommt zu dem Schluss, die Christdemokraten würden am liebsten alles beim Alten lassen.

Der Luftverkehr boomt und spiegelt die traumhaften Zahlen der Tourismusentwicklung wieder. 11,8 Millionen Passagiere kamen im vergangenen Jahr über Tegel in die Stadt, sechs Millionen landeten oder starteten in Schönefeld und 635 000 hatten in Tempelhof Bodenkontakt. Flughafenchef Rainer Schwarz verweist stolz darauf, dass seine Gesellschaft bereits ein Viertel des Kapitals verdient hat, das er bis 2011 für den Bau des neuen Flughafens in Schönefeld, Berlin-Brandenburg International (BBI), aufbringen muss.

Dass dann Tempelhof längst geschlossen ist und Tegel nach einer Sechs-Monats-Gnadenfrist als Flugplatz entwidmet werden soll, bleibt unveränderte Strategie der rot-roten Landesregierung. Bislang zoffte sie sich nur wegen Tempelhof mit der Opposition. Jetzt aber melden sich auch Christdemokraten, die Tegel auf Dauer offen lassen wollen. Zwar hat Parteichef Ingo Schmitt die Reinickendorfer Bezirksbürgermeisterin Marlies Wanjura, eine profilierte Kommunalpolitikerin, vor solchen Gedankenspielen gewarnt. Die aber beharrt: Tegel könne sehr wohl für kleine Flieger und die Flugbereitschaft bleiben. Wer aber „Flugbereitschaft“ sagt, meint eigentlich: Regierungsflughafen.

Noch mehr freilich als die Bequemlichkeit wiegt in der Bundespolitik inzwischen die Frage, was das kostet. Und da kommen von jenen, die über die Geldausgabe wachen, klare Stopp-Signale. Von Bonn aus habe man 24 Kilometer bis zum wartenden Flieger fahren müssen, wird erinnert, und auch Bayerns Staatsregierung habe keinen fußläufigen Flughafen, BBI in Schönefeld sei mithin durchaus zumutbar. Und wenn es eilt, gäbe es ja auch noch Hubschrauber.

Bei diesem Appell an die Vernunft ist noch ein weiteres Handicap von Tegel nicht benannt, das seit Jahren überaus lästig ist: Tegel ist einer der wenigen Millionenstadt-Flughäfen in zivilisierten Regionen dieser Welt, der nicht ans Schienennetz angeschlossen ist. Der Hohenzollernkanal im Süden und Westen hat, wegen der gewaltigen Kosten einer Untertunnelung, eine U-Bahnverbindung zum Flughafen zwischen der U 6 nach Tegel und der U 7 von Spandau ins Zentrum bislang verhindert. Sie ist nicht finanzierbar. Und auf diesem Gebiet hat ausnahmsweise sogar Tempelhof wirklich die besseren Karten als der Airport im Norden der Stadt.

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