Meinung : Jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt

„Wo bleibt die Dritte Generation West?“ vom 6. Dezember

Ich fühle mich als Wessi humorlos, besserwisserisch und oberlehrerinnenhaft beurteilt. Ich mag Selbstdefiniererei nicht – sei es die Abgrenzung von anderen Gruppen, die übertriebene Selbstinszenierung oder die Tätowierung der eigenen „Außengrenze“. Ich mag vor allem die Abwertung anderer Menschengruppen nicht. Am Ende ist von „persönlicher Empfindung“ (Ost und gut) und „Nur-Zuhören“ (West und schlecht) die Rede. Nimmt man das zusammen und lässt Ost-/West-Zuweisungen und Bewertungen, ist man wohl nah dran am Wahrnehmen und Erzählen, was ist.

Ob wir uns auf Heinrich Heine einigen können: „Denn jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.“

Wolfgang Prenzel, Berlin-Schöneberg

Die Autorin fragt, wo die Dritte Generation West bleibe. Hintergrund ist ihr Verständnis der Dritten Generation Ost, gekennzeichnet durch „gemeinsames Erzählen, dieses wunderbar einigende‚ was die Wende mit mir gemacht hat“. Die Realität ist sehr viel differenzierter und heterogener, wie das gleichnamige Buch von Michael Hacker u. a. und das soziale und politische Spektrum zeigen. Die Autorin macht ihren Standpunkt klar: „Die Wende ist bis heute eine ostdeutsche Angelegenheit, in der Westler vor allem die Rollen der Geldmacher, Ganoven oder Wichtigtuer spielen“. So platt und beleidigend habe ich es noch nicht gehört. Wie viele andere bin ich vor 17 Jahren von Freiburg nach Potsdam gezogen, um am Aufbau mitzuarbeiten (Flughafen Leipzig, Ansiedlungen in Frankfurt/Oder etc.). In West und Ost haben wir inzwischen schmerzhaft erfahren, dass das Modell des Wirtschaftswunders nicht mehr funktioniert. Die junge Generation kann nur durch Leistungen ihr wirtschaftliches Auskommen erreichen, das gilt für West wie Ost. Die Autorin meint, „der alte Westen ist nichts, wozu man sich lebensgefühligerweise gern bekennen will“. Dann hat sie noch nicht begriffen, was private wie politische Freiheit heißt. Sie wiederholt nur ein dumpfes Vorurteil, mit dem seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland Demokratie, Parlamentarismus und Grundrechte diffamiert werden. Die Autorin meint, die Gleichaltrigen im Westen seien „ohne einen selbstdefinierten Kern“. Kritische Recherche wird durch blindes Ressentiment ersetzt. Dagegen will ich nur an das Engagement vieler junger Menschen in Umwelt, freiwilligem sozialen Jahr, Friedensdienst in der ganzen Welt erinnern.

Die Antwort auf die Frage der Autorin: Inzwischen ist die Dritte Generation Deutschland auf dem gemeinsamen Weg nach Westen.

Siegfried de Witt, Potsdam

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