Meinung : Jeder kämpft gegen jeden, jeder kämpft für sich

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Der Fortschritt hat das menschliche Elend nicht beseitigt, doch er hat es stark verändert. In den letzten zweihundert Jahren haben sich die erfolgreicheren Gesellschaften neue Rechte, neue Erwartungen und neue Ansprüche erstritten; (...) und zugleich haben sie dafür gesorgt, dass die Ungleichheit allen Bewohnern des Planeten 24 Stunden täglich auf allen Fernsehkanälen demonstriert wird. Deshalb hat die Enttäuschbarkeit der Menschen mit jedem Fortschritt zugenommen. „Wo Kulturfortschritte wirklich erfolgreich sind und Übel wirklich ausschalten, wecken sie selten Begeisterung“, bemerkt der Philosoph Odo Marquard. „Sie werden vielmehr selbstverständlich, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich dann auf jene Übel, die übrig bleiben. Dabei wirkt das Gesetz der zunehmenden Penetranz: der Reste. Je mehr Negatives aus der Wirklichkeit verschwindet, desto ärgerlicher wird – gerade weil es sich vermindert – das Negative, das übrig bleibt.“

Odo Marquard untertreibt; denn hier geht es nicht um Ärger, sondern um mörderische Wut. Was den Verlierer obsessiv beschäftigt, ist ein Vergleich, der in jedem Augenblick zu seinen Ungunsten ausfällt. Da der Wunsch nach Anerkennung prinzipiell keine Grenzen kennt, sinkt unvermeidlich die Schmerzgrenze, und die Zumutungen werden immer unerträglicher. Die Reizbarkeit des Verlierers nimmt mit jeder Verbesserung zu, die er bei anderen bemerkt. Den Maßstab liefern niemals jene, denen es schlechter geht als ihm. Nicht sie sind es in seinen Augen, die fortwährend gekränkt, gedemütigt und erniedrigt werden, sondern immer nur er, der radikale Verlierer. Die Frage, warum das so ist, trägt zu seinen Qualen bei. Denn es kann keinesfalls an ihm selber liegen. Das ist undenkbar. Deshalb muss er Schuldige finden, die für sein Los verantwortlich sind.

Der zweite Text stammt von Wolfgang Pohrt. Er schrieb bereits 1997 (Edition Tiamat, Berlin) das Buch „Brothers in Crime – Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit“:

Als die revolutionäre Gewißheit verlorengegangen war, welche das Vertrauen in einen gesetzmäßigen, begreiflichen und zu einem guten Ende führenden Ablauf der Geschichte einschloss, fand man auf der Suche nach einer klar umrissenen Welt zwischenzeitlich im Glauben Trost, wenigstens Termin und Verlauf des Weltuntergangs zu kennen. Die Mittelstreckenrakete, mit Atomsprengköpfen bestückt, trat hinsichtlich des Bekanntheitsgrads in den 80er Jahren die Nachfolge der Maschinenpistole an.

Im Gegensatz zur Vorgängerin verhieß die neue Waffe zwar keinen Sieg der guten Sache, sie stand nicht für das Ende von Ausbeutung und Unterdrückung, sondern für das Ende überhaupt. Erhalten geblieben aber war die in der „Internationale“ besungene Idee vom „letzten Gefecht“, die übrigens auch im „Endsieg“ der Nazis steckt und in den „Nie-wieder“-Parolen der Antifaschisten. In der Untergangsangst der Atomwaffengegner lebte ein Motiv der abgestorbenen revolutionären Erlösungshoffnung fort, nämlich der Wunsch, es möge die Geschichte zum Stillstand kommen. Besser ein Ende mit Schrecken als keins.

Aber der bangend ersehnte Atomkrieg blieb aus, nur der Ostblock zerfiel. Er tut dies heute noch, kein Ende ist abzusehen. Das Leben geht unerbittlich immer weiter, lehren 1989 und die Folgen, und sie lehren auch, daß es keine Hoffnung auf einen befriedigenden Endzustand geben kann, nicht mal die Vorstellung von einem erstrebenswerten Ziel. So hat der Eintritt in eine diesseitige Ewigkeit stattgefunden. Das Bewußtsein, darin ausharren zu müssen, wie es das Schicksal der Gespenster gewesen ist, verursacht mehr Befürchtungen und Angst als jede Todeserwartung. (...) Wenn es zum Kampf kommt, kämpft keiner für Freiheit oder Sozialismus. Jeder kämpft gegen jeden, jeder kämpft für sich.

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