Meinung : „Jeder Tag hat seine Hürden“

Hans-Hagen Bremer

Er war einmal der Schnellste. Über 110 Meter Hürden holte er 1976 in Montreal die Goldmedaille. Jetzt triumphiert der 55-jährige Guy Drut wieder, diesmal über die französische Justiz. Anstrengen musste sich der ergraute Olympionike dazu nicht. Denn er wurde sozusagen gedopt, ganz legal von Jacques Chirac, der als Staatspräsident von seinem Privileg Gebrauch machte und dem Freund eine Amnestie gewährte.

Im Oktober 2005 war Drut von einem Pariser Gericht in der Affäre um illegale Kommissionen bei der Vergabe öffentlicher Aufträge durch den von der heutigen Regierungspartei beherrschten Regionalrat der Ile-de-France zu 15 Monaten Gefängnis auf Bewährung und einer Geldstrafe von 50 000 Euro verurteilt worden. Drut hatte sich nach seinem Olympiasieg dem damaligen Premierminister Chirac als Berater angeschlossen, ihm sogar – vergeblich – privaten Sportunterricht erteilt und eine politische Karriere in dessen Kielwasser eingeschlagen. Er wurde Bürgermeister eines Vororts, Mitglied des Regionalrats, Abgeordneter und Sportminister. Seit 1996 ist er Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Daneben fand der emsige Ex-Athlet auch noch Zeit für illegale Nebenjobs. Anfang der neunziger Jahre wurde Drut, wie er im Prozess aussagte, „auf Anweisung des Pariser Rathauses“ – Bürgermeister war Chirac – von einer Baufirma eingestellt, bei der der Regionalrat wie bei anderen Unternehmen Schmiergelder eintrieb. Druts Tätigkeit war fiktiv, er hatte weder Schreibtisch noch Telefon. Er sei „eine Art Türöffner“ gewesen, sagte er. So sicher war er, dass ihm nichts passieren könnte, dass er der Urteilsverkündung fern blieb.

Es kam anders. Das IOC, das keinen Vorbestraften in seinen Reihen duldet, suspendierte Druts Mitgliedschaft. Doch Chirac lässt keinen Spezi im Regen stehen. Wovon normale Sterbliche nur träumen können, ist nach einer 2002, vermutlich im Hinblick auf Druts Ungemach mit der Justiz, beschlossenen Gesetzesnovelle möglich: die individuelle Amnestierung von „verdienten Sportlern“. Frankreichs politische Klasse steht Kopf. Dass der Einfluss des Landes im IOC gefährdet gewesen sei, wie Chirac sich rechtfertigte, glaubt man nicht einmal in dem von der Clearstream-Affäre erschütterten Regierungslager. Drut, der sich „erleichtert“ über den Gunstbeweis des Präsidenten äußerte, sieht dagegen seinen Wahlspruch bestätigt: „Jeder Tag hat seine Hürden.“

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