Meinung : Jeder Tod ist privat

Das Wort „Selbstmord“ soll in England abgeschafft werden

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Von Gerhard Mauz

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Für eine Todesursache gibt es ein schreckliches Wort. Es lautet „Selbstmord“. Damit könnte es nun ein Ende haben, zunächst in Großbritannien.

Dort soll die Todesursache Selbstmord abgeschafft und durch eine Formulierung wie etwa „Tod durch eigene Handlung“ ersetzt werden. Dafür hat sich eine Kommission zur Reform der amtlichen Todesursachen ausgesprochen. Mit dem Wort Selbstmord sei ein soziales Stigma verbunden. Außerdem sei dieser Ausdruck belastend für die Angehörigen. In Großbritannien begingen im Jahr 2000 offiziell 3479 Menschen Selbstmord. Die Behörden gehen jedoch von einer wesentlich höheren Dunkelziffer aus.

Das ist ein tapferer Versuch. Wir möchten hoffen, dass er auch bei uns Nachdenklichkeit auslöst.

In dem von Roger Willemsen herausgegebenen Taschenbuch „Der Selbstmord“, einem wahren Kompendium zu diesem Thema, findet sich ein Gedicht von Matthias Claudius „Auf einen Selbstmörder“, dem das Motto „Videre verum, atque uti res est dicere“ voransteht: „Er glaubte sich und seine Not/Zu lösen durch den Tod./Wie hat er sich betrogen!/Hier stand er hinterm Busch versteckt;/Dort steht er bloß und unbedeckt,/Und alles, was ihn hier geschreckt,/Ist mit ihm hingezogen –/Wie hat er sich betrogen!“

Das ist ein erbarmungsloses Gedicht. Doch es ist nur eine Stimme in dem gewaltigen Konzert, das durch die Geschichte stattfand und auch heute noch zu hören ist. Und die Erbarmungslosigkeit wird auch gröber sichtbar, als in der literarischen Form.

Ein Oberfeldarzt untersucht 1940 den „Selbstmord im Heer“. In seinem abschließenden Bericht heißt es: „Ich erlaube mir, in diesem Zusammenhang noch einmal auf den bei unserer Unterhaltung von mir erwähnten, heute so bedeutungsvollen rassischen Gesichtspunkt hinzuweisen. Es kann kein Zweifel sein, dass die meisten Selbstmörder zu den gefährdeten und labilen Typen gehören, deren Fortpflanzung nicht unbedingt wünschenswert nach dem Ideal der heutigen Staatsbiologie ist. Die Selbstmörder werden nicht in allen, aber in den meisten Fällen zu der Bilanz des Bionegativen gehören, also in der Richtung der Entartung und der Substanzauflösung liegen. Man könnte daher im Selbstmord sehr wohl einen rassischen Eliminationsprozess erblicken, und insofern wird man den Selbstmord keineswegs von vornherein als unmoralisch, weder im individuellen noch im volkhaften Sinne, bezeichnen können.“ Der des Oberfeldarztes: Gottfried Benn.

Nicht nur Matthias Claudius und Gottfried Benn haben sich mit dem Thema Selbstmord befasst. Charles de Montesquieu, Albert Camus, Fjodor M. Dostojewski und Dante Alighieri, um nur einige zu nennen, haben darüber geschrieben. Der Philosoph Arthur Schopenhauer war einer der energischsten Autoren zu diesem Thema. Die Geistlichkeit solle einmal Rede dafür stehen, dass sie denen ein ehrliches Begräbnis verweigert, die freiwillig aus der Welt gehen. Und er greift die Religionen an, von denen die Selbsttötungen angeklagt zu werden.

„Tod durch eigene Handlung“ – wir sollten darüber nachdenken.

Gerhard Mauz ist Autor des Spiegel.

Foto: Dirk Reinartz

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