Jens Stoltenberg : Norwegens Premier unterwegs als Taxifahrer

Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg wollte wissen, was die Bürger seines Landes wirklich denken. Und wo plaudert man schon so unbefangen wie bei einer Taxifahrt? Also setzte sich der Politiker kurzerhand selbst ans Steuer.

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Er trug eine Sonnenbrille, eine orangefarbene Dienstkrawatte, die Strickjacke eines Taxiunternehmens und hatte sich einen Fahrerausweis an die Brust geheftet: Wie jetzt bekannt wurde, hatte sich Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg, 54, an einem Nachmittag im Juni als Osloer Taxifahrer ausgegeben. Ausschnitte aus den Gesprächen, die der Premier inkognito mit seinen Fahrgästen führte, haben Mitarbeiter Stoltenbergs nun ins Internet gestellt. Unter dem Titel „Taxi Stoltenberg“ ist das knapp vierminütige Video bei „Youtube“ zu sehen.

Jens Stoltenberg kämpft mit dem Automatikgetriebe

Vielen Passagieren fällt in dem Film zunächst nicht auf, von wem sie da gefahren werden. Erst als Stoltenberg am Ende jeder Fahrt die Sonnenbrille ablegt, reagieren die meisten. Zwei jüngere Frauen auf der Rückbank bekommen einen Lachanfall. Ein Fahrgast wunderte sich über die Fahrweise und fragte: „Können Sie nicht Auto fahren?“ Ein älterer Herr allerdings meinte schon während der Fahrt: „Von der Seite sehen sie Stoltenberg sehr ähnlich.“ Einer Frau, die ihn erkannte, beichtete Stoltenberg: „Ich bin seit acht Jahren nicht mehr selbst Auto gefahren.“ Der Politiker hatte vor allem mit dem Automatikgetriebe des schwarzen Mercedes Probleme.

Stoltenberg sagt, er sei auf die Taxi-Idee gekommen, weil er so in Erfahrung bringen könne, was Norwegens Bürger wirklich denken. „Und wenn es einen Ort gibt, an dem die Menschen ihre Meinung sagen, ist das ein Taxi.“ So wettert in dem Film eine ältere Dame, die ihn erkannte, gegen die „Millionengehälter der Chefs“ und sagte, „als Regierungschef“ müsse er etwas dagegen tun.

Stoltenbergs Auftritt wirkt bürgernah – doch allein um Tuchfühlung mit den Bürgern wird es ihm nicht gegangen sein. Das Video wurde inmitten des norwegischen Wahlkampfs veröffentlicht; am 9. September wird dort ein neues Parlament gewählt. Und in den Umfragen liegt Stoltenbergs Koalition aus Sozialdemokraten und Linken hinten. Dabei hatte der Premierminister, dessen Vater Thorvald Stoltenberg früher Außenminister war, vor zwei Jahren für seine umsichtige Reaktion auf die Attentate des Rechtsextremisten Anders Behring Breivik noch viel Anerkennung erfahren. Inzwischen allerdings wird die erfolgsverwöhnte norwegische Wirtschaft von einer Rezession geplagt. Und nach den Breivik-Anschlägen gab es Kritik an den angeblich zu laschen Sicherheitsvorkehrungen in Norwegen. Auch das wird nun Stoltenberg angelastet.

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