Meinung : Jenseits der Schmerzgrenze

Von Gerd Appenzeller

-

Ob das Management von General Motors, der Konzernmutter von Opel, eine Vorstellung von Bochum hat? Vermutlich nicht, warum auch? Opel in Bochum, das ist aus der Sicht der Zentrale in Detroit einer der zahlreichen, weltweiten Produktionsorte – einer, der zum Verlustbringer geworden ist. Warum das so ist, und ob das Management durch unterlassene Investitionen in den Standort, durch verfehlte Modellpolitik und durch Qualitätsmängel in der Vergangenheit nicht selbst die größte Schuld an der Misere hat – das interessiert im Moment offenbar wenig. Jetzt muss gespart und entlassen werden.

Vom Standort Bochum würde nicht mehr viel übrig bleiben, wenn tatsächlich 4000 der 9600 Beschäftigten gehen müssen. Wie es künftig um die Innovationskraft des Autobauers bestellt sein wird, falls in Rüsselsheim 2000 Stellen in Forschung und Entwicklung wegfallen, kann man sich vorstellen. Aber in Bochum geht es um mehr. Deshalb legen die Opelarbeiter dort auch die Produktion lahm. Opel in Bochum war seit 40 Jahren der Beleg dafür, dass dank einer klugen Standortpolitik auch tiefgreifende Strukturkrisen ohne soziale Verwerfungen bewältigt werden können. In Bochum schlug einst das Herz der Montanindustrie. Seit 1962 geben nicht mehr die Fördertürme, seitdem gibt Opel den Lebenstakt vor. Es ist der einzige übrig gebliebene Großbetrieb der Stadt. An ihm hängen viele tausend Existenzen. Das lässt man sich nicht durch eine Entscheidung im fernen Detroit kaputtmachen, da muss man die Menschen verstehen. Was soll denn kommen, wenn Opel geht?

Wenn heute der VfL Bochum gegen Hansa Rostock spielt, wird im Stadion Opel das Thema sein. Wenn am Sonntag die Glocken in die Kirchen rufen, steht die Sicherheit der Arbeitsplätze bei Opel im Mittelpunkt der Bittgebete. Aufrufe zur Mäßigung, wie sie jetzt von Ministerpräsident Steinbrück kommen, sind vernünftig. Aber wie mäßigt man sich gegenüber einer Forderung, die als maßlos empfunden wird? 10000 Arbeitsplätze weg bei Opel – das geht über die Schmerzgrenze weit hinaus. Vor allem in Bochum.

0 Kommentare

Neuester Kommentar