Meinung : Jetzt bloß kein Doppelfehler Boris Becker bleibt frei –

das ist ein Sieg und eine Chance

Lorenz Maroldt

An einem schönen Septemberabend 1993 fuhr aufreizend langsam ein Rolls Royce aus Deutschland den Hügel zum Casino von Monte Carlo hinauf. Das Kennzeichen: BB wie Böblingen, oder auch: wie Boris Becker. Die Leute staunten, und manche schienen sogar ein bisschen stolz zu sein. Unser Boris!

In der Öffentlichkeit wurde die Steuerflucht Beckers nur kurz abgehandelt, leichte Anfälle von Neid waren schnell vergessen. Soll er doch, der Junge – das war so die Stimmung. Die Münchner Staatsanwaltschaft aber fand heraus, dass Becker gar kein echter Monegasse geworden, sondern Bayern-Fan geblieben war und bei Heimspielen verdächtig oft auf der Ehrentribüne saß. So, so. Und wo ging er hin, anschließend? In eine Wohnung in München, gemietet von den Eltern, angeblich für die Tochter; wie man heute weiß: pro forma. Becker hat uns also um einige Millionen Euro zu betrügen versucht, und deswegen ist er gestern, ganz zu Recht, verurteilt worden. So sind nun mal die Regeln, und auch wenn das Steuerrecht ein wenig komplizierter ist als ein Tennisspiel: Becker hat schon gewusst, was er da tat, ob nun schlecht beraten oder auch nicht.

Die Staatsanwaltschaft hatte deswegen eine Haftstrafe beantragt, und da sind einige dann doch erschrocken. Der blamierte Becker, ob wirtschaftlich, ob privat – an den hatten wir uns gewöhnt, weil er so gut passt zu dem Bild von ihm, das entstanden war, als er sich einst in Wimbledon nach ganz oben spielte: ein fröhlich-frecher, manchmal etwas unbedachter Junge vom Dorf, viel zu charming, um ihm lange böse zu sein. Aber ein Boris Becker im Knast – also bitte!

Fast hätte es doch so geendet, viel hat nicht gefehlt. Doch so kam er gerade noch mal mit zwei Jahren auf Bewährung davon, viel zahlen muss er obendrein. Becker aber spricht von seinem „wichtigsten Sieg“, ganz so, als hätte er im Endspiel gegen die deutsche Justiz drei Matchbälle im Hechtsprung abgewehrt und dann ein perfektes As gesetzt. Er selbst wird es besser wissen. Ein Sieg für ihn war das Urteil nur dann, wenn er es als Chance versteht: für sich, sein Leben zu ordnen, und für uns, ihm zusehen zu können. Er wird ja wohl hoffentlich mal wieder Tennis spielen.

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