Meinung : Jetzt geht’s los

Die deutsche Wirtschaft expandiert. Schröder freut das, Merkel schweigt

Henrik Mortsiefer

Es fällt auf, dass die Union im Wahlkampf die deutsche Wirtschaft nicht lobt. Jedenfalls nicht so laut wie der Kanzler und die britische Finanzpresse und die Börsen und fast alle anderen. Dabei gäbe es Anlässe genug: Die Aktienkurse steigen, deutsche Unternehmen machen Rekordgewinne und expandieren in aller Welt, internationale Finanzinvestoren engagieren sich am Standort. Und Angela Merkel? Ihr scheint dieser Stimmungsaufschwung unheimlich zu sein. Denn er spielt Gerhard Schröder in die Hände, der jetzt liebend gerne bei jeder Gelegenheit sagen würde: Das ist mein Aufschwung.

Dabei wissen beide, dass sich die Gründe für diese plötzliche Aufbruchstimmung ziemlich schwer der einen oder anderen Politik zuschreiben lassen. Sie sind meistens bei den Unternehmen zu finden.

Ein Beispiel lieferte am Sonntag Tui, Europas größter Reisekonzern. Das Dax-Unternehmen aus Hannover will für 1,7 Milliarden Euro eine kanadische Containerschiffgesellschaft kaufen und zu einem der weltgrößten Unternehmen der Branche aufsteigen. Das Vorhaben ist mutig, weil die Containerschifffahrt ihren Boom hinter sich hat. Und das Vorhaben ist teuer. Aber das Gefühl dabei stimmt. Es sagt uns: Deutsche Unternehmen trauen sich wieder, sie nutzen Gelegenheiten, sie unternehmen etwas. Ja, was denn auch sonst, möchte man fragen. Dazu sind sie doch da.

Aber haben sich Politiker – rechts wie links – nicht Jahre lang beklagt, dass Managern der Unternehmergeist fehle, der Mut, der Tatendrang? Mit dem nötigen Kapital ausgestattet, nach harten Sanierungen – und häufig Massenentlassungen – folgen den Ankündigungen der Firmenchefs nun Taten. Nicht alle tun es und nicht alle in so großem Stil wie Tui&Co. Aber sie bewegen sich,trotz hoher Lohnnebenkosten, drückender Abgabenlast und starrer Arbeitsmärkte.

Dabei ist Psychologie nicht alles. Keiner investiert, nur weil das Geschäftsklima gut ist. Niemand kauft Aktien, nur weil das „Momentum“ stimmt. Doch auch Unternehmer sind Menschen, die motiviert werden wollen – und zwar nicht allein von guten Zahlen. Die Annahme allerdings, das jetzt investiert wird, weil die Unternehmer auf einen Regierungswechsel setzen, ist falsch. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass ein möglicher Wahlsieg der Union für 82 Prozent der Firmen keine Bedeutung für ihre Investitionsplanung hat. Schröder wird es gerne hören. Und Merkel wird sich überlegen müssen, ob sie die deutsche Wirtschaft mehr loben sollte.

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