Meinung : Jetzt ist unsere Stunde

Was die Alten von den Jungen lernen können – eine Polemik

Armin Lehmann

Philipp Mißfelder hat gleich zwei Generationen beleidigt. Nicht nur die Alten, sondern auch uns Junge. Streit darf zwar ein gewisses Maß Polemik enthalten, nur darf sie nicht menschenverachtend sein – und nicht so ins Abseits führen, dass sie die Debatte über das eigentliche Problem verhindert.

Sprechen wir also nicht über Philipp Mißfelder, sprechen wir über Ungerechtigkeit. Ungerecht ist es zum Beispiel, wegen der Äußerung eines Einzelnen seiner ganzen Generation Egoismus vorzuwerfen, sie als unsozial zu beschimpfen, weil sie angeblich die glorreich erkämpfte Generationensolidarität auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen wolle. Das ist Unsinn. Wer Mißfelder vereinnahmt, um von Fehlern der älteren Generationen abzulenken, macht es nicht besser als der Chef der Jungen Union (JU) selbst.

Wer jetzt gegen die junge Generation polemisieren will, sollte davor die Leistungen der alten betrachten, die Leistungen der Generation Kohl/Schröder: der unendlich hohe Schuldenberg, der uns Jungen hinterlassen wird, die Sozialversicherungssysteme, die so lange nicht reformiert worden sind, was den Älteren zugute kommt und den Jungen schadet. Reden wir von Kinderarmut, die es erst jetzt verstärkt in diesem Lande gibt, während die Altersarmut sich fast aufgelöst hat. Reden wir darüber, dass die über 65-Jährigen in diesem Land über ein Viertel der Vermögen verfügen, obwohl sie nur 13 Prozent der Bevölkerung stellen. Dass die viel zu wenigen Kinder in Deutschland nicht daher rühren, dass die Jüngeren zu wenige bekommen, sondern dass zu wenig junge Eltern da sind.

Und was leistet die junge Generation? Sie kann nicht damit dienen, nach einem selbst verschuldeten Krieg Aufbauarbeit geleistet zu haben. Sie kennt keine Trümmerfrauen und keine Stunde Null. Aber sie leistet ihren Beitrag: Keine andere Generation musste so hart daran arbeiten, Beruf und Familie zusammenzubringen. In keiner Generation waren Frauen so stark gefordert und belastet wie heute: Kinder kriegen, jung bleiben und beruflich erfolgreich sein – das wird wie selbstverständlich erwartet.

Solidarität ist für Jüngere kein Fremdwort. Auch deshalb ist der Single-Boom der achtziger Jahre längst vorbei. Jetzt wird wieder geheiratet, und junge Paare würden auch gerne mehr als ein Kind bekommen, wenn es sich denn mit dem Beruf vereinbaren ließe. Zu beobachten ist auch, dass Jüngere sich wieder verstärkt um ihre Eltern kümmern. Das tun sie auch, weil sie finanziell und personell auf sie angewiesen sind, auf die Solidarität bei der Kinderbetreuung zum Beispiel. Die Familie kommt sich dabei wieder näher. Freunde und Familie werden wichtiger: für Halt und Zusammenhalt. Das sind Werte, die die Gesellschaft fern der kruden Gesellschaftsfantasien der 68er neu konstituieren könnten. Die junge Generation ist wieder ein Stück konservativer, ein Stück moralischer geworden – warum denn auch nicht?

Die junge Generation hat zudem ihren Zusammenbruch hinter sich: den der Börsen und der New Economy. Sie hat eingesehen, dass das „Immer höher, weiter, besser, reicher“ Illusion ist. Sie hat im Augenblick des Zusammenbruchs auch gelernt, dass der Wohlfahrtsstaat, mit dem sie in den achtziger Jahren aufwuchsen, ein Monster ist, das auf Kosten nachfolgender Generationen fett wurde. Trotz des Crashs der Start-Up-Unternehmen haben die 30-Jährigen in den letzten Jahren einen Gründerboom ausgelöst. Mitten in eine Krise hinein sind noch nie so viele Unternehmen entstanden wie heute. Das ist mutig.

Die junge Generation hat Konsequenzen aus der Krise gezogen: Eigenverantwortung. Davon könnten die Älteren lernen.

Der Autor ist 34 und verheiratet.

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