Meinung : Jetzt sehen sie wieder alt aus

Adulte Stammzellen gibt es möglicherweise gar nicht. Damit kehrt ein ethisches Dilemma zurück

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Von Alexander S. Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

Keine ethische Frage hat die westliche Welt so entzweit wie die, ob der Mensch Embryonen seiner eigenen Art zur Heilung von Krankheiten verwenden darf. Die einen sehen in embryonalen Stammzellen die Chance, nahezu alle Organe und Gewebe des Körpers ersetzen zu können. Dadurch ließen sich endlich all diejenigen Krankheiten besiegen, an denen die Medizin seit Hippokrates scheitert, weil abgestorbenes Gewebe nicht wieder belebt werden kann: Parkinson, Alzheimer, Herzinfarkt und andere Geißeln der Menschheit. Die anderen halten die Züchtung von Embryonen als Ersatzteillager für unvereinbar mit der Menschenwürde. Dies umso mehr, weil die embryonalen Zellen zusätzlich durch „therapeutisches Klonen“ manipuliert werden müssen, damit sie vom Immunsystem des Empfängers nicht abgestoßen werden – die Stammzelldebatte hat in der Medizin das Zeitalter der Glaubensspaltung eingeläutet.

Die Zauberworte, mit denen sich Ethikkommissionen und Parlamente zwischen Washington, Berlin und Tokio bisher aus dem Dilemma flüchteten: adulte Stammzellen. Diesen sagenumwobenen Zellen, die beim Erwachsenen im Knochenmark und anderen Organen schlummern sollen, wird die Fähigkeit zugeschrieben, sich in nahezu jedes beliebige Gewebe verwandeln zu können. Stimmte das, könnte auf die Verwendung von Embryonen verzichtet werden, ohne Millionen Schwerkranke im Stich zu lassen.

Seit Beginn des neuen Jahrtausends überschlugen sich die Erfolgsmeldungen von den ethisch unbedenklichen Alleskönnern: Adulte Stammzellen aus dem Knochenmark sollten sich in Herzmuskel, Leber und sogar Nerven verwandeln können. Darüber hinaus berichteten die von Regierungsgeldern und ethischem Rückenwind verwöhnten AdultzellenForscher über Stammzellen in zahlreichen weiteren Geweben, wie Muskelfasern oder Fett, die offenbar aus dem Knochenmark dorthin ausgewandert seien.

Doch jetzt ließ ein einziges Experiment die Hoffnungen der Ärzte und Bioethiker wie Seifenblasen zerplatzen. Bisher galt die Umwandlungsfähigkeit der adulten Stammzellen als erwiesen, weil sich ihr Erbmaterial in neu gebildeten Nervenzellen, Herzmuskelfasern oder Leberzellen nachweisen lässt. War beispielsweise eine Frau mit Stammzellen aus dem Knochenmark eines Mannes behandelt worden, so fanden sich danach in ihrem Gehirn Nervenzellen mit männlichem Chromosomensatz – scheinbar ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass die adulten Stammzellen aus dem Knochenmark fast ebensolche Alleskönner sind wie die embryonalen.

Am Sonntag berichtete jedoch eine Forschergruppe der Universität von Kalifornien in San Francisco von einer bisher unbekannten Fähigkeit der Knochenmarkszellen: Sie können mit bestimmten Zellen des Körpers verschmelzen. Dabei handelt es sich ausgerechnet um genau diejenigen Gewebearten, in die sich die adulten Stammzellen angeblich verwandeln können: Leber, Herzmuskel, Nervenzellen. Dass man in genau diesen Geweben die Erbinformation der „adulten Stammzellen“ gefunden hat, ist also eine triviale Konsequenz der Verschmelzung – der angebliche Beweis für die Existenz adulter Stammzellen ist widerlegt.

Das bedeutet für die Ethikkommissionen und Parlamente: Sie müssen ihre Hausaufgaben nun doch noch machen und sich zwischen Menschenwürde des Embryos und medizinischem Fortschritt entscheiden. Obwohl die Theorie von den „adulten Stammzellen“ so gut wie mausetot ist, wird die Glaubensspaltung der Medizin allerdings wohl noch lange nicht überwunden sein – auch bei Wissenschaftlern und Bioethikern stirbt die Hoffnung immer zuletzt.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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