Joachim Löw : "Das macht man nicht per E-Mail"

Fußball-Bundestrainer Joachim Löw gibt am Freitag die EM-Nominierungen bekannt. Er gibt dabei den Scharfrichter - mit guten Umgangsformen.

Helmut Schümann

Es war gestern in einigen deutschen Haushalten ein bisschen wie bei Günther Jauchs TV-Quiz: Die Kandidaten hatten zu Hause zu bleiben und am Telefon zur Verfügung zu stehen. Ruft Jauch an, kommt gemeinhin Freude auf. In den deutschen Haushalten jedoch, in denen Joachim Löw gestern anrief, dürfte die gute Laune in den Keller gesackt sein: Aus schon vor der ersten Runde. Bundestrainer Löw wird heute seinen Kader für die in drei Wochen beginnende Fußball-Europameisterschaft öffentlich bekannt geben, intern im Kreise seiner Kandidaten hat er sich schon vorher festgelegt und seine Entscheidung per Handy verkündet. „So eine Absage macht man nicht per Mail oder SMS“, hatte er angekündigt. Was ihn als Mann mit guten Umgangsformen ausweist und auch als einen, der die Kälte des Geschäfts nicht in allen Belangen mitträgt. Wie auch, wenn einer unter der Sonne des Schwarzwaldes geboren wurde und in der Wärme des Breisgaus lebt?

Joachim „Jogi“ Löw, der Mann, der heute den Scharfrichter der Nation abgeben muss, na ja, zumindest der Nationalmannschaft, Jogi Löw also ist so etwas wie die Fortsetzung von Jürgen Klinsmann mit erwachsenen Zügen. Wo der noch seinen Mangel an taktischen Kenntnissen durch mitunter arg pubertäres Motivationsgebrüll kaschieren musste und konnte, steht Löw, 48, gelassen da, die Hände im feinen Tuch vergraben, wohl wissend, dass die Intensität seiner Ausstrahlung keiner großen Gestik bedarf. Der Löw brüllt? Schwer vorstellbar. Gehört wird er trotzdem.

Für den Spieler brach eine Welt zusammen

Vorstellen kann man sich allerdings, dass er ehrlich ist, wenn er sagt, dass es „schon auch ein Stück wehtut“. 40 Spieler hatte er einst benannt, als es in die Vorbereitung zur EM ging, mit in die Schweiz und nach Österreich dürfen indes nur 23. Vorzeitig festgelegt hat sich Löw auf 16 Spieler, bleiben noch sieben Plätze, die unter 24 Spielern aufgeteilt werden müssen, das sind 17 unangenehme Telefonate, die er und sein Assistent Hans Flick führen müssen.

Kurz vor dem deutschen Sommermärchen 2006 klingelte beim Schalker Kevin Kuranyi vorzeitig das Telefon; für den Spieler brach daraufhin eine Welt zusammen. Es war wohl gestern ganz gut in einigen deutschen Haushalten, genauer: in 17 deutschen Haushalten, dass es Joachim Löw war und kein Polterer, der Welten zusammenbrechen ließ. Durch Löws entspanntes Wesen brechen die Welten dann wenigstens sanft zusammen. 

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