Jörg Haider : Üble Nachrede

Markus Huber

Der Auftritt war surreal – und tieftraurig. Am Samstag vor einer Woche war Stefan Petzner vor die Kameras getreten, um die Öffentlichkeit zu informieren, dass der Rechtspopulist Jörg Haider bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Immer wieder begann Petzner während seines Statements zu weinen, ihm brach die Stimme weg, und wenn er dann doch Worte fand, waren diese, nun ja, verblüffend. Petzner sprach über sein inniges Verhältnis zu Haider, er erzählte von einer ganz besonderen Freundschaft, und dann nannte er Haider seinen „Lebensmensch“. Okay: Petzner war Haiders Pressesprecher, er war in den vergangenen vier Jahren sein engster Vertrauter; dass er über den plötzlichen Tod seines Chefs besonders traurig ist, trauriger als die meisten anderen Österreicher, ist klar. Aber jedem, der Petzners Auftritt gesehen hat, drängte sich der Verdacht auf, dass Petzner tatsächlich mehr war als der engste politische Vertraute Jörg Haiders.

„Lebensmensch“. Es gab kaum ein Medium, dass dieses Wort nicht immer mal wieder genüsslich zitiert hat. Der journalistische Reflex dahinter ist verständlich: Seit den frühen neunziger Jahren gab es in Österreich Gerüchte über Jörg Haiders Neigungen. Jeder hatte was gehört, jeder kannte zumindest über zwei Ecken jemanden, der jemanden kannte, der mal mit Haider ein inniges Verhältnis gehabt haben soll. Aber reicht das schon als Outing? Und vor allem: Wen soll, wen darf das interessieren? Haider, der als Rechtsaußenpolitiker so ziemlich gegen alles und jeden polemisierte, hat nie ein schlechtes Wort gegen Homosexuelle gerichtet. Getreu dem Motto, dass man über das Privatleben von Politikern erst berichtet, wenn sie es selbst in die Medien tragen, wurde in den österreichischen Medien Haiders sexuelle Orientierung daher nie thematisiert.

Jetzt brechen die Dämme. Seitdem Petzner das Wort „Lebensmensch“ in den Raum geworfen hat, kann kaum ein Journalist das Wasser halten. Es wird geschrieben, dass Haider die letzte Stunde seines Lebens in einer Schwulenbar verbracht hat. Es wird berichtet, dass es angeblich zuvor einen Streit mit Petzner gegeben hat. Welches Interesse die Öffentlichkeit daran haben soll, wird nicht erwähnt. Die Grenzen der Persönlichkeitsverletzung werden immer weiter gedehnt. Formal freilich hat sich bis dato jedes Medium an den österreichischen Ehrenkodex gehalten und Haider nicht geoutet. In Österreich heißt das Pietät. Wobei das im klassischen Sinne dann doch etwas anderes wäre.

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