Meinung : Joschka Fischer: Die Spur der Steine

Bernd Ulrich

Joschka Fischer ist ein ungewöhnlicher Politiker mit einer ungewöhnlichen, einer gebrochenen Biografie. Deswegen - und nicht trotzdem - rangiert er auf der Beliebtheitsskala ganz oben. Es war seit langem bekannt, dass zu seinem Leben auch eine militante Phase gehörte. Er selbst hat davon, mitunter nicht ohne einen gewissen Sündenstolz, gern erzählt.

Nun hat der "Stern" Fotos aus dem Jahr 1973 veröffentlicht, auf denen eine Gruppe Linksradikaler einen einzelnen Polizisten schlägt und tritt. Einer der jungen Männer soll Joschka Fischer gewesen sein. Im danebenstehenden Interview streitet er das nicht rundheraus ab. Jedenfalls gibt er pauschal zu, auch mal "hingelangt" zu haben. Wenn man diese Bilder sieht, dann verliert die "Phase der Militanz" sogleich ihren vordergründigen Heroismus, sie wird konkret - und realistisch, also: schäbig.

Wer jemals die "Streetfighter" von Nahem bei der Arbeit gesehen hat, den kann die Kleinheit und Niedrigkeit dieses politisch aufgemotzten Machokults nicht überraschen. Wer dagegen Rebellion nur aus schwarz-weißen Filmen und von farbigen Gemälden her kennt, der wird sich jetzt wundern. Oder, wenn es politisch opportun erscheint, auch empören.

Einer von denen, die es beim Wundern nicht belassen wollen, ist der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionschef Wolfgang Bosbach, der Fischer sogleich den Rücktritt nahelegte. "Mit so einer Haltung kann man nicht Außenminister von Deutschland sein." Wahr ist: Die unschönen Bilder zeigen kein Kavaliersdelikt. Und wenn Joschka Fischer noch immer ein militanter Straßenkämpfer wäre, dann hätte Bosbach Recht. Doch das ist er schon lange nicht mehr. Die Frage kann also nur sein, ob jemand mit einer solchen Vergangenheit Außenminister bleiben darf. Die Antwort darauf ist - bei dem, was jetzt bekannt ist - eindeutig: Ja, er kann. Fischer hat sich vom Staatsfeind zum Staatsmann gewandelt, in mehreren Schüben, auch glaubhaft.

Joschka Fischer ist ein gewöhnlicher Politiker. Es fällt ihm schwer, Scham zu zeigen und Fehler zuzugeben. Auch in diesem "Stern"-Interview ist keinerlei Scham zu spüren. Zu den Bildern sagt er: "Ich sehe das nicht als unangenehm an. Das ist meine Biografie. Das bin ich, Joschka Fischer. Ohne meine Biografie wäre ich heute ein anderer, und das fände ich gar nicht gut."

Militant ist Fischer schon lange nicht mehr, etwas zu sehr von sich eingenommen, das ist er nach wie vor. Weil seine Biografie zu so einem perfekten Ergebnis geführt hat, weil sie ihn, den Joschka, den Fischer, den Außenminister hervorgebracht hat, darum können diese Bilder in seinen Augen nicht unangenehm sein. Sie sind vielmehr Stufen zu der Lebens-Pyramide, an deren windumtoster Spitze er nun in eigener Person sitzt.

Auch seine Versuche, sich als Opfer staatlicher Militanz darzustellen - "zuerst wurde man geschlagen, dann hat man sich gewehrt und zurückgeschlagen" - wirken merkwürdig. Und unwahrscheinlich. Wer Straßenkämpfer bei der Arbeit gesehen hat, kann das schwerlich glauben. Dann und wann war es auch mal umgekehrt: Da haben die Rebellen zuerst gedroschen und geworfen, da waren sie auch mal in Überzahl und haben das ausgenutzt. Aber vielleicht war Joschka Fischer da die Ausnahme, der einzige echte Militante, der nie den ersten Stein warf.

Befremdlich wirkt auch, dass Fischer die jungen, zumindest nicht um 68 politisierten Interviewer des "Stern" fragt, ob sie denn nie Steine auf Polizisten geworfen hätten. So als ob das in jeder Generation zur politischen Mannbarkeit gehört hätte. Auch sein Scherz befremdet, er sei kein guter Werfer gewesen: "Zu kurze Hebel." Da hatten die Polizisten seinerzeit aber Glück. Misslungene Scherze, Opferpose, keine Scham, sogar den Begriff der Mitverantwortung möchte der Außenminister nicht in den Mund nehmen. Es ist nicht der beste, nicht der souveränste und nicht der sympathischste Joschka Fischer, der sich da präsentiert.

Am 16. Januar wird der deutsche Außenminister im Prozess gegen den Terroristen Hans-Joachim Klein über die Frankfurter Szene der 70er-Jahre aussagen. Bis dahin hat Fischer noch Zeit, an seiner Geschichte zu arbeiten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar