Josef Fritzl : Das Böse im Mann

Wer die Verbrechen des Josef Fritzl verstehen will, sollte einen Blick auf die Biologie werfen. Bas Kast sucht nach Ursachen in der menschlichen Natur - und die steckt in uns allen.

Bas Kast

Wenn etwas Unfassbares passiert, wenn ein Vater seine Tochter zur Sexsklavin macht und 24 Jahre lange brutal in seinem Keller einsperrt, vergewaltigt und mit ihr eine Parallelfamilie aufbaut, dann, so heißt es, brauchen wir Ursachen. Ursachen beruhigen. Sie machen das Unfassbare fassbar. Daran ist etwas Wahres.

Manche Ursachen aber sind beruhigender als andere. Wenn man sagt: Josef Fritzl hat etwas mit der dunklen Seele Österreichs, genauer: dem kleinbürgerlichen Milieu Niederösterreichs, zu tun, dann liegt darin auch insofern eine Erleichterung, als alle, die nicht in Niederösterreich leben, also die allermeisten, aufatmen können.

Es ist gewiss beruhigender, als wenn man die Ursache für Fritzls Verbrechen in der menschlichen Natur sucht. Um das Alpen-Hawaii könnte man zur Not eine Mauer ziehen, um die menschliche Natur nicht. Sie steckt in uns allen.

Allerdings gibt es starke Vorbehalte, die Gründe für das Verhalten von Menschen – insbesondere verbrecherisches Verhalten – in der Natur zu suchen, in den Genen. Tiere sind, so die vorherrschende Meinung, vollkommen gengesteuert. Bei uns Menschen soll es umgekehrt sein. Bei uns muss für alles die Umwelt herhalten, was wiederum etwas Tröstliches hat: Die Umwelt lässt sich im Prinzip ändern. Die Natur nicht.

Sollte der Mensch auch eine – teils böse – Natur mit sich herumschleppen, müssten wir irgendwie damit fertig werden. Diese Einsicht ist für viele so unerträglich, dass sie sie am liebsten gar nicht wahrhaben wollen, auch wenn wir regelmäßig damit konfrontiert werden, dass das Böse sogar in den besten Milieus gedeihen kann.

Zu den unfairsten Vorwürfen an jene, die davon ausgehen, dass menschliches Verhalten auch von Genen beeinflusst wird, gehört der Einwand, man würde damit das Verhalten entschuldigen. Das ist grotesk. Nur weil etwas womöglich so und so ist, heißt das nicht, es sei erlaubt oder gar wünschenswert. Die Gene sind die Ursache für viele Krankheiten. Das aber heißt doch nicht, dass alle, die das einsehen, diese Krankheiten begrüßen.

Im Gegenteil, was für eine unsichere Position wäre das, die Menschenrechte davon abhängig zu machen, was Biologen oder Evolutionspsychologen über unsere Natur entdecken. Vielmehr muss man sagen: Die Menschenwürde gilt. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau gilt. Egal, was Wissenschaftler über die Natur des Menschen, über die Natur von Mann und Frau herausfinden.

Das vorausgeschickt, spricht vieles dafür, dass Josef Fritzls Verbrechen Teil der menschlichen – speziell: männlichen – Natur sind und dass man seiner Psyche näher kommt, wenn man den Blick nicht auf Niederösterreich, sondern auf die Gene des Mannes lenkt.

Fritzl ist keine Bestie, er ist ein Mensch. Tiere, Bestien können keine Stahltüren bauen, sie haben keinen Verstand, mit dem sich Verbrechen über Jahre hinweg planen lassen, sie können nicht lügen und einen Thailand-Urlaub buchen, um sich dort, wie man vermuten darf, weiteren billigen Sex zu holen. Gerade das Planerische von Fritzls Verbrechen macht sie zu etwas genuin Menschlichem.

Damit rückt er in unsere Nähe, was unangenehm ist. Angenehmer wäre es, wenn er ein Monster, ein Außerirdischer wäre, keiner von uns. Aber in Wahrheit zeigt Fritzl, was ein Mensch auch sein kann.

Mehr noch, Fritzls Grausamkeiten sind, für sich genommen, nicht einmal so ungewöhnlich. Sie erinnern an Verhaltensweisen, die man bei unzähligen Männern beobachten kann. Männer haben diese Verhaltensweisen in der Geschichte immer und immer wieder an den Tag gelegt, und sie tun es in großen Teilen der Welt bis heute, über diverse Kulturen hinweg, was schon allein dafür spricht, dass die Gene etwas mit diesem Verhalten zu tun haben.

Fritzl ist, erstens, ein Vergewaltiger. Männer haben Frauen stets vergewaltigt, es geschieht in allen Gesellschaften. Nicht nur in allen menschlichen Gesellschaften, sondern im gesamten Tierreich: Von Insekten, Vögeln bis hin zu unseren engsten Verwandten, den Orang-Utans, Gorillas und Schimpansen lässt sich beobachten, dass einige Männchen nicht, wie die meisten anderen, um das Weibchen werben und sich von ihr wählen lassen, sondern sie sich einfach „nehmen“.

Wir tun uns keinen Gefallen damit, wir verkennen die Gefahr, wenn wir Vergewaltigungen in verharmlosender Weise umdeuten als etwas, das Männern erst antrainiert werden müsste, das nur in bestimmten Milieus vorkommt oder auch als etwas, das nichts mit ihrem – oft unstillbaren – Sextrieb zu tun hat (aus Sicht der Frau, des Opfers, hat eine Vergewaltigung nichts mit Sex zu tun, aus Sicht des Mannes, des Täters, sehr wohl).

Fritzl ist ein Vergewaltiger, aber er ist „mehr“ als das. Er hat seine Tochter vergewaltigt. Diese Form von Inzest ist eine Ausnahme. Inzest als Verbindung zwischen Verwandten aber ist weit verbreitet, ja fast so etwas wie Normalität: Es gibt Schätzungen, nach denen 8,5 Prozent aller Kinder weltweit aus Verwandten-Ehen (etwa zwischen Cousin und Cousine) stammen.

Fritzl aber hat seine Tochter nicht nur vergewaltigt und geschwängert, er hat sie zur Gefangenen gemacht, eingesperrt, vor dem Rest der Welt abgeschirmt. Überflüssig, zu erwähnen, dass er auch damit ein Extrem ist. Aber ist er eine Ausnahme? Leider nur bis zu einem gewissen Grad.

Zum Beispiel: Als die Taliban im Laufe der 1990er Jahre bis zum Krieg 2001 über Afghanistan herrschten, war es – teilweise ist es immer noch so – den Frauen verboten, außerhalb des Hauses zu arbeiten. Sie durften nicht aus dem Haus ohne Begleitung eines Verwandten. Sie mussten ihren Körper mit einer Burka bedecken. Die Fenster der Häuser waren häufig mit dunkler Farbe bemalt, so dass man nicht durch sie hindurchgucken konnte.

Das Unicef-Foto des Jahres 2007 zeigt ein 11-jähriges Mädchen aus Afghanistan, das klein und misstrauisch neben ihrem 40- jährigen Ehemann sitzt, an den sie verkauft wurde. Der holländische Schriftsteller Leon de Winter schrieb dazu in „Spiegel-Online“: „Sein Samen wird einen neuen Menschen schaffen. Lieblos wird er dieses Mädchen befruchten, ohne jedes Bedauern. Was wir auf diesem Foto sehen, ist ein nackter Blick auf den Horror unserer brutalen Natur.“

Was de Winter als „nackten Blick auf unsere brutale Natur“ bezeichnet, könnte man auch anders, vielleicht noch etwas präziser formulieren: als Ausdruck eines hemmungslosen, männlichen Genegoismus.

Wir alle werden zumindest teilweise von Genen gesteuert, die nichts anderes im Sinn haben, als sich selbst zu kopieren und zu vermehren. Während wir sterben, „leben“ unsere Gene in unseren Kindern weiter, potenziell bis in alle Ewigkeit. Der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins hat unsere Gene metaphorisch als „egoistisch“ bezeichnet: Sie „kümmern“ sich nur um ihren eigenen – absolut sinnlosen – Fortbestand.

Nun gibt es aus Sicht der Gene, die sich in einem Männerkörper befinden, ein Problem. Ein Mann kann sich oft nicht ganz sicher sein, ob das Kind, das „seine“ Frau bekommt, auch wirklich sein Kind mit seinen Genen ist (wie die Angelsachsen sagen: „Mama’s baby, papa’s maybe“). Der größte genetische Albtraum des Mannes ist das Kuckuckskind. In diesem Fall kopiert er nicht nur seine Gene nicht, er investiert auch noch in die Gene eines Konkurrenten. Um diesen evolutionären Super-Gau zu vermeiden, scheuen manche Männer vor keinem Mittel zurück:

Sie reißen die Frau an sich, um sie vor anderen Männern – sprich: vor Konkurrenzgenen – abzuschirmen. Die Burka ist ein Mittel zu diesem Zweck. Mit der Burka bleibt die Frau für andere Männer körperlos, asexuell.

Um auf Nummer sicher zu gehen, stellt man der Frau, wenn sie das Haus verlässt, einen Verwandten (das heißt, einen, der zumindest teilweise die gleichen Gene hat) als Wächter an die Seite.

Viele Männer wünschen sich nichts sehnlicher als eine Jungfrau, die die Gefahr eines Kuckuckskindes ausschließt. Sie werden paranoid und/oder gewalttätig, wenn das Bettlaken in der Hochzeitsnacht nicht blutverschmiert ist.

Der Keuschheitsgürtel dient der Verhinderung einer Fremdschwangerschaft ebenso wie die grausame Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung, die vor allem, aber nicht nur im mittleren Afrika verbreitet ist (wenn die Frau keinen Spaß am Sex hat, ist die Fremdgehgefahr geringer). In Äthiopien sind Schätzungen zufolge 90 Prozent der Frauen beschnitten.

Selbst in unserer Gesellschaft, in der sich die Frau gegen den Genegoismus des Mannes in hohem Maße hat durchsetzen können, gibt es nach wie vor „subtile“ Ausdrücke davon, wenn man so will: psychologische Keuschheitsgürtel. Beispiel: Treibt ein Mann es mit vielen Frauen, gilt er als Frauenheld, als Don Juan. Tut eine Frau das Gleiche mit Männern, ist sie eine Nutte oder Nymphomanin. Letzteres klingt, als handle es sich um ein psychiatrisches Syndrom. In Wahrheit handelt es sich um ein verkapptes moralisches Urteil, das, wie jedes moralische Urteil, der Verhaltenskontrolle dient.

Was das alles mit Josef Fritzl zu tun hat? Man könnte sein Vorgehen auch dahingehend interpretieren, dass sogar in modernen Gesellschaften der nackte Genegoismus des Mannes immer noch ungehemmt und auf grausamste Weise durchschlagen kann. Ein Zyniker könnte zur Schlussfolgerung gelangen, dass Fritzls Strategie, seine und nur seine Gene zu vermehren, voll aufgegangen ist: Abgesehen davon, dass er mit seiner Ehefrau sieben Kinder gezeugt hat, hat er mit seiner Tochter eine zweite Familie gegründet. Nicht so, wie es zahlreiche Männer in ihrer Midlife-Crisis mit einer häufig jüngeren Frau tun, in gegenseitigem Einverständnis, in gegenseitiger Sehnsucht, sondern offenbar völlig empathielos mit seiner eigenen Tochter, gegen ihren Willen, trotz ihres Leids, im Keller seines Hauses. Darin waren die Fenster nicht bemalt, nein, es gab erst gar keine Fenster.

Laut dem Wiener Magazin „News“ soll Fritzl seinem Anwalt gebeichtet haben, warum er sich seine Tochter als Opfer ausgesucht hat: „Seit Beginn ihrer Pubertät hatte sie sich an keine Regeln mehr gehalten, sie trieb sich nächtelang in üblen Lokalen herum. Ich brachte sie immer wieder nach Hause zurück, aber sie entzog sich immer wieder. Deshalb musste ich einen Ort schaffen, an dem ich E. irgendwann zwangsweise von der Außenwelt fernhalten konnte.“ Zur Frage, warum er bei seinen Vergewaltigungen nur halbherzig verhütete, sagte er: „Weil ich mir in Wahrheit von E. Kinder wünschte.“

Als wäre das Kellerverlies sein unterirdisches Klonlabor, erzwang sich Fritzl sieben Kinder von seiner Tochter, von denen sechs überlebten. Da die Tochter bereits die Hälfte seiner Gene in sich trägt, sind alle Kinder, die Fritzl ihr abnötigte, zu 75 Prozent mit seinem Erbgut identisch. Hätte Fritzl auch seiner Enkelin K. ein Kind aufgezwungen – er selbst weist das von sich –, es wäre zu 87,5 Prozent sein Klon gewesen.

Fast könnte man meinen, Fritzl hätte einen bis in den Wahnsinn getriebenen Genegoismus mit Methodik verfolgt. Doch er hat bei seinen Taten genauso wenig an seine Gene gedacht wie jeder andere Mensch, wenn er Sex hat oder Kinder großzieht. Sex und Kinder machen uns einfach Spaß. Sie sind etwas Schönes. Dass wir dabei einen Auftrag unserer Gene erfüllen, ist den wenigsten von uns bewusst. Da ging es Fritzl nicht anders. Wie er seinem Anwalt erzählt hat: „Es war schön für mich, nun auch im Keller eine Familie zu haben, mit einer Frau, mit ein paar Kindern.“

„Ich bin kein Monster!“, hat die „Bild-Zeitung“ Josef Fritzl zitiert. Schließlich, sagt er, hätte er seine Kinder ja am Ende auch töten können, und die Welt hätte nie etwas von seinen Verbrechen erfahren.

Warum ließ er seine Kinder gehen? Wir wissen es nicht, wir werden es wohl nie wissen. Hat er geglaubt, er könne auch diesmal alle an der Nase herumführen? Vielleicht. Sieht man ihn als einen Menschen, der auf perfide und rücksichtslose Weise alles, was ihm zur Verfügung stand, dazu genutzt hat, seine Gene in die nächste Generation zu setzen, dann ergibt auch diese letzte Handlung einen verstörenden Sinn.

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