Jüdische Gemeinde : Streit muss sein …

… auch unter Juden: Deren Gemeinden indes werden oft überfordert. Gestritten wird um Erbe und Zukunft.

Claudia Keller

Die Jüdische Gemeinde in Berlin hat 11 000 Mitglieder, so viele wie eine große evangelische Pfarrei. Wenn der Gemeindekirchenrat in Prenzlauer Berg einen neuen Vorsitzenden wählt, interessiert das keinen. Bekommt die jüdische Gemeinde in der Hauptstadt eine neue Führung, ist das eine Nachricht in allen Zeitungen des Landes. Denn das, was in Berlin passiert, strahlt auf die jüdische Gemeinschaft in ganz Deutschland aus – überall geht es um die gleichen Probleme.

110 000 Mitglieder haben die jüdischen Gemeinden bundesweit. 20 000 von ihnen gehören zu etablierten Familien, die sich in den vergangenen 50 Jahren Wohlstand erarbeitet haben. Die übrigen 90 000 sind in den vergangenen 15 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert. Viele davon sind religiös ungebildet und ohne Arbeit. Aber sie haben ein Selbstbewusstsein mitgebracht, das den Einheimischen fremd ist. Sie geben sich nicht ab mit der Rolle der Schwachen in den Gemeinden, die die Etablierten den Eingewanderten gerne zuweisen. Und sie geben sich nicht ab mit der Rolle des Opfers und Gedenkonkels, in die wir die Juden in Deutschland auch 65 Jahre nach der Schoah noch immer drängen.

Und so wird in vielen der 112 jüdischen Gemeinden lauthals und erbittert um Erbe und Zukunft gestritten. Das Schiedsgericht des Zentralrats hat mehr zu tun als je zuvor. Alteingesessene und Zugewanderte, Orthodoxe und Liberale ringen um Einfluss, manchmal geht es um Macht und Dienstwagen oder um die Eitelkeit, am Tisch des Bürgermeisters sitzen zu dürfen.

Nur in den Gemeinden, wo die Vorsitzenden so etwas nicht nötig haben, läuft es einigermaßen. Und das sind meist Gemeinden mit Juden aus alteingesessenen Familien an der Spitze. Denn die Russischstämmigen haben ein Führungsproblem. Die meisten sind so sehr damit beschäftigt, in Deutschland anzukommen, dass sie mit der Leitung der Gemeinde überfordert wären. Allein ein guter Wille und vielleicht ein guter Schulabschluss reichen nicht für das Amt. Wer an der Spitze der jüdischen Gemeinde steht, von dem wird erwartet, dass er mit den Wowereits dieses Landes auf Augenhöhe verhandeln kann und neben den Merkels eine respektable Figur macht.

Hier schließlich kommen die nichtjüdischen Deutschen ins Spiel. Weil sie die jüdischen Gemeinden oft überfordern. Weil sie immer noch vieles, was dort passiert, als Zeichen dafür deuten, wie es um das Zusammenleben insgesamt bestellt ist. Haben wir die Vergangenheit ordentlich bewältigt? Sind wir weltoffen?

Vor allem, weil sich die nichtjüdischen Deutschen entspannt zurücklehnen wollen, sollen die Juden sich untereinander vertragen und nicht beharken wie gewöhnliche Politiker. Sie sollen die Konflikte zwischen Einheimischen und Zuwanderern besser lösen als der Rest der Gesellschaft und überhaupt die besseren Menschen sein. Zur eigenen Beruhigung wird alles Jüdische wie eine seltene Pflanze gehegt und gepflegt. In sie wird auch Geld investiert, ohne groß nachzufragen, was damit genau geschieht.

Durch diese Haltung wird allerdings oft das verhindert, was erreicht werden soll: dass wieder Ruhe in den jüdischen Gemeinden eingekehrt. Sie aber haben eine ehrliche Chance verdient – und eine Messlatte ihrer Erfolge, die sich an den Realitäten ihrer Riesenprobleme orientiert und nicht an den psychologischen Bedürfnissen ihrer Umwelt. Nur wer normal sein darf, kann Besonderes leisten.

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