Jüdische Gemeinde zu Berlin : Normale Gemeinschaft

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin ist nicht mehr von der Vergangenheit geprägt: Das macht sie unübersichtlicher, chaotischer - und normaler.

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Gideon Joffe steht vor der Rückkehr an die Spitze der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.
Gideon Joffe steht vor der Rückkehr an die Spitze der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.Foto: dpa

Es ist noch nicht lange her, da besuchte Angela Merkel die Jüdische Gemeinde zu Berlin. Vor laufenden Kameras betonte sie, wie sehr sie sich über das blühende jüdische Leben freue, das in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland gewachsen ist.

Politiker schmücken sich gerne mit den jüdischen Gemeinden. Denn schon allein die Tatsache, dass es diese Gemeinden gibt, erleichtert das Gewissen der nicht jüdischen Deutschen ungemein. Jede neue Synagoge, jeder Klezmer-Abend und jedes jüdische Filmfestival ist Beweis, dass die Nazis nicht gesiegt haben, dass Terror und Mord nicht das letzte Wort hatten.

Probleme werden in Sonntagsreden freilich nicht angesprochen, erst recht nicht Schwierigkeiten in den jüdischen Gemeinden. Umso mehr überraschen Auseinandersetzungen, wenn sie aufbrechen, wie jetzt wieder in der Berliner Gemeinde. Es wäre schade, wenn sich die Mitglieder so zerstreiten, dass am Ende nur eine kleine Gruppe übrig bleibt. Es wäre traurig, wenn jüdische Schulen oder Seniorenheime aus Geldmangel aufgegeben werden müssten. Schade und traurig, nicht wegen des schlechten Gewissens der Deutschen – sondern weil jede Religionsgemeinschaft Wichtiges zur Gesellschaft beizutragen hat, Juden genauso wie Christen, Muslime und Buddhisten.

Allerdings beklagen immer mehr alteingesessene Juden, dass es immer weniger um jüdische Traditionen und um Religion gehe. Die Gemeinde sei ein „russischer Kulturklub“ geworden. Der deutsche Einfluss in den jüdischen Gemeinden schwindet immer mehr. Das ist nicht zu leugnen. Das irritiert nicht nur die Familien, die die Gemeinden nach dem Krieg aufgebaut haben, das verunsichert auch die nicht jüdische Mehrheitsgesellschaft. Denn darauf ist keiner wirklich vorbereitet.

In der jüdischen Gemeinde, zumindest in der Berliner, scheint das Bewusstsein für demokratische Traditionen abzunehmen, auch das Gespür für die Empfindlichkeiten im fein austarierten, hoch komplizierten Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden. Neue Formen müssen erst noch gefunden werden. Das ist nicht einfach. Es gibt keine Muster.

Auch Israel verändert sich und ist nicht mehr so europäisch wie vor 30 Jahren. Dadurch wird sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel ändern. Wie, das vermag noch keiner zu sagen.

Der Berliner Senat jedenfalls hat behutsam begonnen, die jüdische Gemeinde zu behandeln wie andere Gemeinschaften auch, die finanzielle Zuwendungen bekommen. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss mit Sanktionen rechnen. Die zugewanderten russischen Juden leben nicht scheu und zurückgezogen wie die Familien, die den Holocaust überlebt hatten und darauf bedacht waren, möglichst wenig aufzufallen. Sie meiden die öffentliche Auseinandersetzung nicht. Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden wird also normaler. Und vielleicht dürfen Juden dann auch endlich so gut und so schlecht, so klug und so beschränkt sein wie der Rest der Republik auch.

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