Meinung : Jüdisches Museum: Der Bau der Wiedergutwerdung

Wer das Jüdische Museum besucht, macht den nächsten Auslands-Einsatz der Bundeswehr möglich. Wie bitte? Zugegeben, das ist ein krasser und zunächst unverständlicher Satz. Was hat die Geschichte der Juden in Deutschland mit aktuellen Sicherheitsproblemen zu tun? Auf den ersten Blick gar nichts. Auf den zweiten Blick - vielleicht mehr, als den 850 handverlesenen Gästen bewusst sein dürfte, die aus aller Welt angereist sind, um das Museum an diesem Sonntag mit einem fulminanten Festakt zu eröffnen. Womöglich ahnen sie höchstens, dass dieses Ereignis den vorläufigen Höhepunkt eines parallel verlaufenden Prozesses markiert: der Wiedergutmachung des NS-Unrechts an den Juden einerseits und der Wiedergutwerdung der Deutschen andererseits. Beide Entwicklungen stehen nun kurz vor ihrem Abschluss.

Wenn das größte Volk in Europa heute "wieder wer ist", dann hat es das schließlich, trotz des einzigartigen Völkermordes, den es begangen hatte, auch seiner einzigartigen Erinnerungs- und Entschuldigungskultur zu verdanken. Meist vorschnell wurde über die Geschichtsbesessenheit gespottet, die der Geschichtsvergessenheit der frühen Nachkriegsjahre folgte. Übersehen wurde dabei der Nutzen der Moral: Je offener sich die Deutschen zu ihren Verbrechen bekannten, desto wirkungsvoller zerstreuten sie jenes Restmisstrauen, das die Opfer und Gegner der Nazis seit dem Zweiten Weltkrieg hegten. Erst das freimütige, gelegentlich sogar aufdringlich vorgetragene Bekenntnis zur Vergangenheit ebnete den Weg in die Normalität. Und in diesem Sinne resultierte aus den materiellen und ideellen Wiedergutmachungsleistungen der Deutschen auch ihre eigene Wiedergutwerdung, ihre uneingeschränkte Akzeptanz in der Weltgemeinschaft. Es ist Zufall, wirkt aber wie ein Zeichen, dass der Bundestag 1999 fast zeitgleich den Bau des Holocaust-Mahnmals und die Beteiligung deutscher Soldaten am Krieg gegen Jugoslawien beschlossen hatte. Das Jüdische Museum wiederum wird fast zeitgleich mit dem Beginn der Mazedonien-Mission der Deutschen eröffnet.

Beides, das Holocaust-Mahnmal wie das Jüdische Museum, waren ursprünglich anders geplant - bescheidener, leiser, unprätentiöser. Dann jedoch fiel die Mauer. Die zwei Deutschländer vereinigten sich, Berlin wurde Hauptstadt. Das veränderte alles. In der Politik wie im Bereich des Gedenkens dehnten sich die Maßstäbe aus, die Ansprüche wuchsen. Plötzlich sah der Reichstag ohne Kuppel verkümmert aus, ein Jüdisches Museum als Teil des Stadtmuseums hätte mickerig gewirkt. Deutschland wurde groß und souverän, entsprechend groß und souverän wollten die Initiatoren des Jüdischen Museums ihr Vorhaben verwirklicht sehen. Die Botschaft lautete: Euer Machtzuwachs im Politischen ist nicht ohne unseren Bedeutungszuwachs im Gedenken zu haben. Der markante Bau des Architekten Daniel Libeskind vereinfachte die Sache, die Respekt einflößende Aura von Museumsdirektor Michael Blumenthal beschleunigte sie. Weder das Eine noch das Andere hätte allerdings in Vorwendezeiten ausgereicht, das Museum in seiner jetzigen Form präsentieren zu können.

Die deutsche Einheit hat die erinnerungsintensivste Phase der Nachkriegszeit eingeleitet. Dazu gehören das Jüdische Museum wie das Holocaust-Mahnmal, die Zwangsarbeiter-Entschädigung wie die Goldhagen-, Walser-, Finkelstein-Debatte. Kalkül war nicht im Spiel. Eher instinktiv haben die Deutschen gespürt, dass sie das Glück ihrer Vereinigung in Gesten einer die Historie grell beleuchtenden Moral ausdrücken sollten. Wie sonst hätten sie sich und ihren Nachbarn beweisen können, dass sie kein "Viertes Reich" anstreben, keinen Sonderweg einschlagen, die Normalität nicht mit Ellenbogen erzwingen wollen? In diesem Land muss der gute Wille wohl manchmal mit Fanfaren herausposaunt werden, weil er sich immer noch nicht von selbst versteht.

Das Jüdische Museum entwickelt sich mit Sicherheit zur Touristenattraktion wie der Reichstag. Denn die Hauptstadt der Deutschen ist auch eine Hauptstadt des Gedenkens. Beides bedingt einander. In Deutschland gilt eben eine etwas abgewandelte Weisheit des Talmud: Erinnerung ist das Geheimnis der Macht.

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