Meinung : Jugend trainiert für das Ghetto

Lorenz Maroldt

Das hat es selbst in Berlin noch nicht gegeben: Verzweifelte Lehrer fordern die Behörden auf, ihre völlig unkontrollierbar in Gewaltexzessen versinkende Schule komplett aufzulösen. Ein Offenbarungseid, den aber die Lehrer nur an Stelle der Politik leisten, die sich vor so viel Offenheit und den daraus zwingend folgenden Konsequenzen bisher weitgehend drückt.

Der Brandbrief der amtierenden Schulleiterin liest sich wie die Realityshow zum Jugendgewaltfilm „Knallhart“, und nicht zufällig liegt auch die echte Schule in Neukölln. Dort werden Türen eingetreten, Knaller gezündet, Lehrer attackiert. Die Stimmung sei geprägt von totaler Respektlosigkeit gegenüber Erwachsenen, Aggression, menschenverachtendem Verhalten. Einziges anerkanntes Vorbild, schreibt die Schulleiterin, sei „der Intensivtäter“. Lehrer trauen sich nur noch mit dem Handy in die Klasse – für den schnellen Notruf; die wenigen Schüler deutscher Herkunft sprechen vorsichtshalber den gebrochenen Slang der türkischen und arabischen Mehrheit.

Da ist eine Schule zur Hölle geworden, mindestens diese. Zu befürchten ist, dass es auch andere gibt, denn die Behörden hätten den Notruf aus der Rütli-Schule lieber verschwiegen. Dabei wird seit Jahren vor dem Kollaps besonders von Hauptschulen gewarnt. Doch die Lehrer, die viel gescholtenen, stehen allein auf verlorenem, gefährlichen Posten. Und wo sie mit dem Mut der Verzweiflung pragmatisch handeln, um wenigstens etwas gegenzusteuern bevor alles zu spät ist, wie etwa mit einer Deutsch-Vorschrift für den Schulhof, werden sie aus bequemen Sesseln und geschützten Zonen heraus angefeindet. So siehts also aus: Oben reicht’s nicht zur Elite, unten werden Schulen zum Trainingslager für den Straßenkampf. Mit pädagogischem Willen allein ist dem nicht mehr beizukommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben