Jugend und Protest : Sturm auf einen löchrigen Zaun

Der "Jugend von heute" wird vorgeworfen, dass sie nicht rebellieren würde. Dahinter steckt auch ein Vorwurf, der pervers ist. Ein Kommentar

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"Blockupy"-Demonstration am 22.11.2014 vor dem Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main.
"Blockupy"-Demonstration am 22.11.2014 vor dem Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main.Foto: dpa

Scheiß Kapital. Dieser Schriftzug, eilig hingepinselt, stand am Samstag plötzlich quer über der kühl-glänzenden Fassade der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main. Im Anschluss an die Demonstration des „Blockupy“-Bündnisses kletterten etwa 100 Aktivisten über die Bauzäune, die das Gebäude abschirmen, und warfen Farbbeutel.

Die Eskalation wirkt wie das letzte Aufbäumen einer sterbenden Bewegung. Zwar demonstrierten an diesem Wochenende rund 2000 Personen gegen die europäische Sparpolitik. Zwar trafen sich viele zu einem Festival, um „in Zeiten der Lähmung eine europaweite Plattform des Widerstands zu bauen“. Doch diese punktuelle Lebendigkeit von Blockupy kann nicht darüber hinwegtäuschen: Zu einer breiten Bewegung „der Jugend“ sind weder Occupy noch der Nachfolger Blockupy in Deutschland je geworden. Der große Teil der heute Jungen gilt Soziologen als unpolitisch. Das bestätigte erst kürzlich wieder der jährliche Studierendensurvey im Auftrag des Bundesforschungsministeriums. „Die Jugend“ ist passiv – aber vielleicht gibt es sie gar nicht als Kollektiv.

Der Optimismus ist groß

Dabei war in den Jahren, die unmittelbar auf die Lehman-Pleite 2008 folgten, der Boden für eine Revolution so gut wie lange nicht mehr. „Das System“ hatte sich diskreditiert, die Rettung wurde auf Kosten der Steuerzahler betrieben, das große Wort Ungerechtigkeit schien wieder eine konkrete Bedeutung zu bekommen. Doch die großen Fragen blieben ungestellt, der Moment huschte vorbei.

Rund 80 Aktivisten waren auf das Gelände der Bank gelangt.
Rund 80 Aktivisten waren auf das Gelände der Bank gelangt.Foto: dpa

Als Grund, warum die Jungen nicht rebellierten, wird häufig ihr vergleichsweise großer Wohlstand genannt. Sicher, es gibt sie, die Generation Praktikum mit ihren prekären Beschäftigungsverhältnissen. Doch gerade unter den gut Ausgebildeten ist der berufliche Optimismus groß. Die deutsche Jugendarbeitslosigkeit ist mit 7,6 Prozent die niedrigste in Europa. Die demografische Entwicklung spielt den heute Jungen in die Hände. Eine echte Solidarisierung mit den arbeitslosen Massen im Süden Europas blieb deshalb aus.

Eine Rolle spielt aber auch die allgemeine Beschleunigung. Bei der „Slow-Politics-Konferenz“ der Berliner Gazette in Berlin sprachen Wissenschaftler und Aktivisten kürzlich über deren Bedeutung für soziale Bewegungen. Tatsächlich hat diese junge Generation Utopien schneller entstehen und verschwinden sehen als je eine Generation zuvor. Die „Shareconomy“ zum Beispiel, die Ökonomie des Teilens, suggerierte wenige Jahre, es gäbe eine Alternative zum Kapitalismus der Großunternehmen, eine Art Soft-Sozialismus für die Digital Natives. Doch die Alternative wuchs, wurde kommerzialisiert und zerplatzt wie eine Seifenblase, aus dem globalen Couchsurfen wurde Airbnb.

Mangel an "Radikaler Vorstellungskraft"

Auch die digitale Fragmentierung der Realität spielt eine Rolle. Erfolgreich ist vor allem die Mobilisierung gegen politische Einzelprojekte, gegen Acta oder TTIP, betrieben von spezialisierten Protestbrokern, die Zugang haben zu den „Filterbubbles“, den individuellen virtuellen Parallelrealitäten in den Sozialen Medien.

Auf der „Slow-Politics-Konferenz“ bedauerte der junge kanadische Wissenschaftler und Aktivist Max Haiven den Mangel an „radikaler Vorstellungskraft“ in seiner Generation. Und es stimmt: Das große Ganze wird auch deshalb nicht infrage gestellt, weil das große Ganze nicht gesehen wird.

So verbindet sich mit Blockupy die Melancholie einer verpassten Revolution. Doch besonders negativ bewertet wird die Passivität der Jugend nicht von den Generationsgenossen, sondern von den Feuilletons, Klammer auf: in denen oft 68er das Sagen haben. Stromlinienförmige Selbstoptimierer, ökonomisierte Anpassler: Dieses Bild zeichnen oft Ex-Berufsrevoluzzer, die nicht fassen können, dass ihre Kinder und Kindeskinder so anders sind. Man kann bedauern, dass radikales Denken, überhaupt Denken, aus der Mode ist. Doch einer Generation Zufriedenheit vorzuwerfen, ist pervers.

Eigentlich wollte Blockupy gegen die Einweihung der EZB demonstrieren. Die Welt hätte ihre Ordnung gehabt: Es hätte ein abgeschottetes Drinnen gegeben, das Häppchen speist, und ein heranstürmendes Draußen im proletarischen Bierdunst. Doch die Feier ließ auf sich warten. In Wahrheit muss die Jugend den Zaun nicht überklettern, weil er (auch aufgrund der Verdienste der 68er) große Löcher hat. Man kann hindurchspazieren.

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