Jugendkriminalität : Die Wege zur Härte

Es ist kein Zufall, dass gerade in diesen Tagen viel gesprochen wird über Kinder, die wegen ihrer Strafunmündigkeit von Drogenhändlern zum Dealen geschickt werden. Der Abgeordnete Kleineidam hat auf den Punkt gebracht, worum es hier geht: um eine perfide Form des Kindesmissbrauchs. Hinzuzufügen ist: und um politische Beihilfe.

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Am Tag, bevor sie sich das Leben nahm, gab die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig das Manuskript frei für ein Buch. „Das Ende der Geduld“ wird es heißen, Ende dieses Monats soll es erscheinen. Zwanzig Jahre hatte Heisig in der Strafjustiz gearbeitet, die längste Zeit davon als Jugendrichterin. „Schrecken von Neukölln“ wurde sie genannt, auch „Mrs. Tough“ und „Richterin Gnadenlos“, wegen rigoroser Verhandlungsführung und harter Urteile. Aber immer wieder wird ihre Fassungslosigkeit deutlich angesichts krimineller Karrieren Minderjähriger. Als Richterin bekam sie es zu tun mit den Folgen sozialromantischer Verblendung, nackter Angst und unkoordinierter Hilflosigkeit in Behörden und Institutionen.

Heisig war keine Scharfmacherin, es lag ihr nichts daran, gesellschaftliche Gruppen zu diskreditieren. Sie versprach nicht einfache, radikale Lösungen; aber sie forderte konsequentes Verhalten, schon bei der Erkenntnis der Probleme. Und die sind massiv. In zehn Jahren, so meinte Heisig, ist die Stadt kaputt.

Es ist kein Zufall, dass gerade in diesen Tagen, zwischen dem Tod Kirsten Heisigs und dem Erscheinen ihres Buches, viel gesprochen wird über Kinder, die wegen ihrer Strafunmündigkeit von Drogenhändlern zum Dealen geschickt werden. Es gibt sie seit langem. Sie werden festgenommen, ihren Familien übergeben oder ihren Heimen, aber am nächsten Tag sind sie wieder da. Viele von ihnen kennt die Polizei, viele wie Arub, gerade wurde er zum elften Mal aufgegriffen, elf ist auch sein Alter. Ohne Eltern kam er nach Deutschland, irgendwoher aus dem Nahen Osten, und lebt ohne Familie in einem offenen Heim in Berlin; andere gibt es hier nicht. Die Behörden wissen, wie arabische Clans palästinensische Jungs für den Drogenverkauf herholen, und sie wissen, dass die Großfamilien auch ihre eigenen Söhne mit Heroin auf die Straße schicken; sie warten darauf, dass die kleinen Dealer vierzehn werden, dann kommen sie vor Gericht, wenn sie bis dahin überlebt haben. Der SPD-Abgeordnete Thomas Kleineidam hat auf den Punkt gebracht, worum es hier geht: um eine perfide Form des Kindesmissbrauchs. Hinzuzufügen ist: und um politische Beihilfe.

Fälschlicherweise wird die Debatte über diese und andere Formen der Kriminalität oft unter dem Aspekt der Integration betrachtet; das erklärt auch so manche Hemmung und Abwehr. Tatsächlich haben rund neunzig Prozent aller Intensivtäter Wurzeln außerhalb Deutschlands, überwiegend arabische und türkische. Aber von deren Familien, oft in abgeschotteten Clans organisiert, die nicht abgeschoben werden können, ist nur ein kleinerer Teil ansprechbar für helfende, pädagogische Ansätze. Zwischen jenen, die eigengesetzliche Herrschaftsansprüche erheben, und den gesellschaftlich weitgehend integrierten Migranten und ihren oft hier geborenen Kindern liegt das Feld für Sozialarbeiter. Jenseits davon, wo die Werte der Mehrheitsgesellschaft nicht gelten, wo Frauen nichts wert sind, wo rohe Gewalt herrscht und Kinder nicht erzogen werden, sondern zu Kriminellen erzwungen, ist der helfende Staat nur ein nützlicher Idiot.

Gewaltkriminalität ist allein mit den Mitteln der Strafjustiz nicht zu bewältigen, das wusste auch Kirsten Heisig. Kinder, die in kriminellen Strukturen gefangen sind, müssen dort raus, in Pflegefamilien oder in sichere Heime, fernab des Geschehens. Die Behörden müssen vernetzt werden und Informationen austauschen, auch austauschen dürfen, was nicht immer der Fall ist. Das geltende Recht reicht aus, aber es muss genutzt und durchgesetzt werden. Wenn Helfen nicht hilft, nicht mal erwünscht ist, wenn die Schulpflicht missachtet wird und die nächste letzte Chance nicht genutzt, dann muss der Staat reagieren, bei Deutschen wie bei Migranten. Soziale Projekte und freie Träger können starkes staatliches Handeln in Kitas, Schulen, Jugendämtern, bei Polizei und Justiz nur ergänzen; ersetzen können sie es nicht.

All das politisch zu diskutieren und danach zu handeln ist nicht leicht, aber unverzichtbar – und möglich. Kirsten Heisig war überzeugt davon: Eine ehrliche Debatte, „Deutschland wird sie aushalten – und mich auch“. Ein Vermächtnis.

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