Meinung : Jugendkriminalität: Nichts Neues seit Platon

Stefan Reinecke

Die Jugend wird immer brutaler. Die Kriminalität steigt unaufhörlich, die Sitten verfallen, die Täter werden immer jünger, Eltern und Lehrer schauen hilflos zu. All das gilt natürlich vor allem für die Großstädte, wo die sozialen Beziehungen lockerer sind. Die Jugendkriminalität ist das Menetekel einer Gesellschaft, die ihre innere Bindungskraft verliert und deren Zerfall Zerstörungskräfte entfesselt, die sie nicht mehr beherrschen kann.

Das hat man, so oder ähnlich, schon ziemlich oft gelesen. Mitte der 90er gab es geradezu eine Welle von Alarmrufen, die eine wachsende Gewalttätigkeit bei Kindern und Jugendlichen diagnostizierten. Normalerweise folgte dann die Warnung, dass Gewaltvideos eine schlimme Sache sind, manchmal auch der Aufruf, sich auf family values zu besinnen. Selbst im früher liberalen Milieu wurden die Stimmen lauter, dass nur die komplette Kleinfamilie (Alleinerziehende können das nicht) und eine einigermaßen autoritäre Erziehung die Kinder vor Verirrungen bewahren. Wenn die Verwüstungen beschrieben wurden, die der libertäre Geist in der Bundesrepublik angerichtet hat, dann war die wachsende Jugendkriminalität nie weit.

Stimmt das? Ganz nüchtern, faktisch, zahlenmäßig betrachtet? Wenn man dem Berliner Landeskriminalamt glaubt, nicht so richtig. Die Jugendkriminalität in der größten deutschen Stadt sinkt, und zwar nicht zufällig, nicht saisonal, sondern im dritten Jahr hintereinander. Natürlich gibt es, laut LKA, viel Bedenkliches. Die "Intensivtäter" zum Beispiel, die jungen Serientäter. Oder dass Ecstasy zur Modedroge wird. Auch die Neigung bei Jugendlichen, spontan Banden zu bilden, ist gestiegen. Doch insgesamt ist das Bild ziemlich eindeutig: Es gibt weniger Kriminalität bei Jugendlichen, auch weniger schwere Taten. Eine kulturkonservative Wende kann mit dem, was das Berliner LKA zusammengetragen hat, bestimmt nicht begründet werden.

Die Rede von der Jugend, die immer gewalttätiger wird und verwahrlost, erweist sich als Spuk. Besser gesagt: als ziemlich ordinäres generationelles Muster. Dass mit der Jugend nichts los ist und die Sitten verfallen, wusste schon Platon vor 2300 Jahren. Die Erwachsenwelt neigt halt dazu, eigene Ängste auf die Kids zu projizieren. Daran hat sich, trotz Pop und Jugendkult, bis heute nicht viel geändert.

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