Meinung : Jugendreihe: Die Abräumer

Kerstin Kohlenberg

Sie werden die großen Abräumer sein. Die Um-die-dreißig-Jährigen. Das steht schon mal fest. Schuld daran wird aber weniger das eigene Start-Up-Unternehmen sein, noch die mutige Frühkarriere als Serienstar. Es sind die Eltern, genauer gesagt, das Geld, das die Eltern über die Zeit angespart haben. Dieses Kapital macht die Um-die-dreißig-Jährigen zu den großen Abräumern. Die Bundesbank schätzt das gesamte Vermögen der deutschen Haushalte auf 12,8 Billionen Mark. Knapp die Hälfte davon ist im Besitz der Gründergeneration und wurde seit dem Krieg angespart. Bis zum Jahr 2006 werden davon schätzungsweise 2,6 Billionen Mark vererbt. Keine Generation zuvor hat jemals über so viel Kapital verfügt, ohne dass sie dafür irgend etwas tun musste. Außer, sich mit den Eltern gut zu vertragen.

Da ist also Geld. Und da sind Eltern, die weder Nazis waren, noch hochgeschlossene Spießerblusen trugen, sondern im schlimmsten Fall ängstliche Beamten waren. Das Einzige, was den Jungen fehlt, ist ein eigenes Leben - um das Geld sinnvoll auszugeben. Und da wird die Sache schwierig.

Um zu sich selbst in einem eigenen Leben zu finden, haben frühere Generationen sich gerne an den Eltern, an deren Werten und Themen abgearbeitet. Denn im Konflikt lernt man am besten, eine Position fundiert zu vertreten, Argumente zu sammeln und selbstsicher zu werden. Aber was sind die Werte und Themen der letzten Eltern-Generation? Vor allem war das Sicherheit. Sicherheit vor der drohenden Umweltkatastrophe, Sicherheit vor einer Wirtschaftskrise und Sicherheit vor sozialer Kälte. Eine richtige Rebellion machte das bei den Jungen nicht nötig. Also wagten die Jungen einfach ein bisschen mehr Risiko. Sie wählten grün, lebten aber liberal, tauschten den Bausparvertrag gegen Aktien, verzichteten erst mal auf Familie und bauten stattdessen ein weltweites Freundschaftsnetz auf - und kamen nebenher zu noch mehr Wohlstand. Ihr Lebensstil liegt irgendwo zwischen dem von Punks und dem von Yuppies; das sind Lebensstile, die Ästhetik über Tugend stellten und die totale Individualisierung im Blick haben. Massenorganisationen, och nö. Kirchen, Gewerkschaft und Parteien wurden so von Jahr zu Jahr älter.

Wozu könnte eine solche Generation Politik brauchen? Es geht ihnen doch enorm gut, außerdem glauben sie, jedes Thema und jede Kritik an der Kritik zu kennen. Obendrein ist Politik viel zu langsam und nicht lukrativ genug. Also was könnte ethische und politische Fragen für die junge Erbengeneration wieder interessant machen? Es ist das latente Unbehagen an der eigenen Situation. Denn die Sehnsucht der Jungen nach Bindungen und Einbindung ist ungebrochen. Ihr Problem ist nur, dass sie nicht wissen, wie sie sie mit der ebenfalls starken Sehnsucht nach Autonomie in Verbindung bringen können.

Da ist die postmoderne Dauerironie genauso wenig eine Lösung wie die Konsumkultur der eigenen Kindheit, auf die immer und immer wieder lächelnd Bezug genommen wird. "Playmobil forever" will einfach irgendwann keiner mehr hören. Die kindliche Generation will erwachsen werden aus der Übersättigung heraus. Sie haben alles, wissen alles, können alles, sind aber dennoch Würstchen geblieben. Sie haben es nicht geschafft, unter der Last aller - vermeintlich oder tatsächlich - bekannten Argumente, einen neuen Zugang zu den politischen Themen zu finden. Im Zuge der zigsten Retrowelle ist ihnen die Gegenwart aus dem Blick geraten. Die junge Generation lebt ein hermetisch versiegeltes Leben.

Nikas Maak schreibt in einem Text in der "Süddeutschen Zeitung", dass die Werbung, aus Mangel an einer Gegenwartsästhetik, nun damit beginnt, auf die Bilder der letzten modernitätsgläubigen Epoche zurückzugreifen: Plattensiedlungen oder die am Reißbrett geplante Retortenstadt Brasilia. Wie den Werbern geht es auch den Um-die-dreißig-Jährigen. Sie wollen Veränderung, belassen es aber bei einer veränderten modernistischen Ästhetik von gestern.

"Wir leben auf dem Schatten eines Schatten", schrieb Ernest Renan 1876 und beschrieb damit das Fin de Siècle, eine Epoche, in der die Menschen schon einmal davon überzeugt waren, dass die Geschichte an ein Ende gekommen sei. Die Welt war fest eingefügt in unbewegliche Moral- und Wertvorstellungen. Die Jugend wendete sich der Ästhetik und dem stilsicheren, dekadenten Leben zu, denn in der bürgerlichen Klasse war genügend Geld da. Auch wenn es Mitte des Jahrhunderts eine Wirtschaftskrise gegeben hatte, konnten sich die Jungen immer noch erlauben, sich auf dem Geld der Eltern auszuruhen. Unfähig zur Begeisterung, zur Innovation und zum Glauben arrangierten sie sich mit dem Gegebenen.

Aber so blieb es nicht. Der Ausbruch aus dieser selbst verschuldeten Langeweile kam in Gestalt des "Prinzen der Jugend" und des "Professors der Energie" Maurice Barrès. Die Jungen von damals wollten wieder Männer der Tat sein, "denen Fußball, Autos und Flugzeuge wichtiger waren als Bücher", schreibt Heinz Bude. Am Ende dieses männlich geprägten Tatendranges stand der 1. Weltkrieg mit seinen - nicht zuletzt für die an ihm beteiligten jungen Männer - ernüchternden Gräueln. Eine Scheinlösung, die in unseren Tagen nicht in Frage kommt, und für die es Gott sei Dank auch keine Anzeichen der Begeisterung unter den Jungen gibt.

Und nun? Die angestaute Langeweile kann sich auch heute in Energie und Ideen verwandeln. Was sich im 19. Jahrhundert in den Futurismus und Expressionismus entlud, wird heute vielleicht in der Genforschung und der Künstlichen-Intelligenz-Forschung seinen Platz finden. Denn dort braucht man Ideen, eine neue Sprache und auch eine neue Moral. Dort kommt man mit den Antworten von gestern allein nicht mehr weiter.

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