Meinung : Jugendreihe: Sprachprobleme

Jana Simon

"Die angeblichen Girlies sind Emanzen", schreibt Alice Schwarzer in ihrem neuen Buch "Der große Unterschied". Emanzen? Da fallen einem Frauen in unförmigen Strickkleidern, mit unvorteilhaften Kurzhaarfrisuren und lila Babywindeln um den Hals ein. Das ist ein chauvinistisches Vorurteil. Vielleicht. Es zeigt, was der Begriff für die junge Generation ist, ein Relikt aus der Urzeit der 68er-Kämpfe. Er ist nicht mehr Wirklichkeit. Schwarzer unternimmt einen letzten Versuch, die unerreichbar scheinenden Jüngeren durch einen Begriff in ihre Tradition zu zwingen. Es mag sein, dass 52 Prozent der jungen Frauen sich eine neue Frauenbewegung wünschen. Und Barbie jetzt ein kniekurzes, tailliertes blaues Kostüm tragen darf - "Barbie 2000 for president". Aber Schwarzer sieht darin den Beweis, dass "ihre Saat aufgegangen ist".

Stimmt das? Es sind nicht unsere Wörter, die sie verwendet, nicht mehr unsere Sprache. Es sind nicht mehr unsere Kämpfe, die sie austrägt. Aber Eigenes hat unsere Generation noch nicht dagegen gesetzt. Denn unsere Vorfahrinnen scheinen schon alles für uns erkämpft zu haben. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist für uns nicht mehr nur erstrebenswert, sondern selbstverständlich. Männer sind für uns keine patriarchalischen Monster, sondern Individuen. Vielleicht kommt das durch die ernüchternde Erkenntnis, dass Frauen selten die besseren Menschen sind, dass sie genau wie Männer machtgeil, rücksichtslos und zu ihren "Schwestern" oft alles andere als solidarisch sein können.

Probleme erst mit Kindern

Der Leidensdruck bei den unter 30-jährigen Frauen ohne Kinder ist nicht mehr so stark, dass man seine Freizeit auf "Sit ins" verbringen müsste. Die wahren Probleme fangen erst jenseits der 30, im Ex-Girlie-Dasein, an oder wenn das erste Kind privat und beruflich alles ins Ungleichgewicht bringt. Natürlich ist es für viele Frauen auch sehr bequem, sich aus dem Berufsleben zu verabschieden und die Ernährerrolle allein ihrem Mann zu überlassen. Wirklich glücklich werden damit nur die wenigsten Paare.

Genau wie die "Anti-Akw-Bewegung", der Begriff aus den 80er Jahren, bei den Jüngeren grausame Langeweile auslöst, verbinden wir mit "Frauenbewegung" Frauen, die sich über nackte Busen auf einem Stern-Titelbild aufregen. Was hat das noch mit uns zu tun? Wir leben in der voll sexualisierten Welt, in der nackte Busen so alltäglich geworden sind, dass man sie gar nicht mehr wahrnimmt. Natürlich will die junge Generation Gleichberechtigung und eine saubere Umwelt. Nur die antiquierten Begriffe passen nicht mehr zu unserer Realität. Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen erscheinen uns wie Geister aus der Vergangenheit. Manchmal möchte man sie umarmen und ihnen danken für alles, was sie getan und erreicht haben, aber dann möchte man sich schnell abwenden und abhauen.

Ob "Pornografie", "sexuelle Gewalt" oder "Atomtod". Die Probleme sind geblieben, nur die Begriffe klingen so leer und verbraucht, dass man sich die Ohren zuhalten möchte, so bald sie zur Sprache kommen.

Was soll das auch heißen, Girlies sind "emanzipiert"? Wer sind überhaupt die Girlies und vor allem, was wird aus ihnen, wenn sie älter werden? Wenn man Barbara Becker als "old Girlie" bezeichnen darf, ist sie das momentan prominenteste Gegenbeispiel. Vor ihrer Heirat mit Boris Becker scheint sie ein Prachtexemplar des Schwarzerschen "emanzipierten Girlies" gewesen zu sein - sie ging arbeiten und verdiente ihr eigenes Geld. Ein paar Jahre später flüchtet sie nach der Trennung von Boris in sein Haus in Florida, mit seinen Kreditkarten und verklagt ihn auf Unterhaltszahlungen. Das war die Leitehe der Nation.

Nie wieder Frauenbewegung

Diese Geschichten lassen uns Jüngere manchmal ratlos zurück. Ist es im 21. Jahrhundert möglich, dass eine Frau bei vollem Bewusstsein komplett von ihrem Mann abhängig wird? Es klingt so rückständig, so überholt. Dass ist ein Punkt, wo uns klar wird, dass vieles vielleicht doch noch nicht so selbstverständlich und klar ist, wie wir dachten. Die neue Frauenbewegung, die viele wünschen und fordern, scheint nötig zu sein. Aber eine, die in diese Zeit passt und die die vielen jungen Frauen einbezieht, die eigentlich ganz gut in der "Männergesellschaft" zurechtkommen, die nicht verbittert, sondern selbstbewusst und unabhängig sind. Bloß, nennt sie bitte nicht wieder "Frauenbewegung".

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