Meinung : Jung, arm, arbeitslos – Moslem

Die Unruhen in den Pariser Vorstädten sind dramatische Zeichen ungelöster Probleme

Gerd Appenzeller

Sie haben so schöne Namen, die Kleinstädte rund um Paris: Aulnay- sous-Bois, Villiers-le-Bel, Mantes-la-Jolie, Clichy- sous-Bois. Aber was dort geschieht und wie dort gelebt wird, das sieht eher hässlich aus. Es klingt auch nicht harmonisch, sondern dissonant. Nacht für Nacht kommt es jetzt wieder zu Straßenschlachten zwischen überwiegend muslimischen Jugendlichen und der Spezialpolizei CRS. CRS steht für Companie Républicaine de Sécurité, und es steht eben auch für jenes Maß an Brutalität, vor dem der französische Staat nicht zurückscheut, wenn seine Bürger zu sehr über die Stränge schlagen.

Diesmal ist die Gewalt im Nordosten von Paris explodiert. Es hätte genauso gut die Umgebung von Lyon, Bordeaux oder Marseille sein können. In den Vororten der französischen Großstädte leben die meisten Einwanderer aus Schwarzafrika und den Maghrebstaaten in isolierten, heruntergekommenen Vierteln. Die wurden vor 30 Jahren, meist als Hochhausquartiere, errichtet, um die Migranten überhaupt unterzubringen.

Es ist das Erbe der Kolonialzeit, das auf dem einstigen Mutterland als immer schwerere Bürde liegt. Algerien, Tunesien und Marokko sind von der französischen Kultur geprägte Staaten, in denen noch heute Französisch Umgangssprache ist. Die gebildeten und wohlhabenden Schichten orientieren sich nach wie vor am französischen Gesellschaftsentwurf und leben so in einem Gegensatz zur ärmeren Bevölkerung, die sich inzwischen geschlossen der arabischen Welt und dem Islam zuwendet.

Während Tunesien und Marokko schon in den 50er Jahren autonom wurden, blieb Algerien bis 1962 beim Mutterland. Mit der Souveränität verließen fast 800 000 Franzosen das Land und kehrten nach Frankreich zurück. Sie brachten nicht nur arabische Gewohnheiten mit, sondern zogen, obwohl selbst oft zur Unterschicht gehörend, auch hunderttausende von Arabern nach sich, die im Mutterland leben wollten.

Diese Einwanderung hält, überwiegend in Form des Familiennachzugs, mit 100 000 bis 150 000 Menschen pro Jahr bis heute an. Und bis heute verweigert die tradierte französische Gesellschaft den Arabischstämmigen die Integration. In Frankreich, das offiziell auf strikte Trennung von Staat und Religion achtet, ist nicht einmal die Zahl der Muslime bekannt. Geschätzt wird sie auf sechs bis sieben Millionen. Viele von ihnen leben am Rande. Eine neue wissenschaftliche Untersuchung über die Herkunft von Strafgefangenen behauptet, dass 70 Prozent von ihnen in Frankreich Muslime sind.

Der Rückzug der jungen Einwanderergeneration in ethnische und religiöse Gettos ist nicht nur ein Reflex auf die Ablehnung durch die „Weißen“, sondern auch Ausfluss eines wachsenden, genauso stolzen wie wütenden Selbstbewusstseins. Dass diese Einwanderer, obwohl sie fast ausnahmslos fließend Französisch sprechen, auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben, zeigt, wie unendlich schwer und langsam dieser Konflikt, wenn überhaupt, zu lösen ist.

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