Kabinettsbildung : Der Zeitsprung: Seehofer verjüngt die CSU

Die CSU verändert sich und mit ihr das Kabinett: Chef Seehofer macht viel aus den wenigen. Das deutlichste, fast sensationelle Signal heißt: Verjüngung.

Robert Birnbaum
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Horst Seehofer. Endlich, ein Generationensprung in der CSU. -Foto: ddp

Echte Überraschungen sind selten im politischen Betrieb, weil das meiste als Andeutung, Spekulation, halbe Gewissheit gewöhnlich vorher schon in der Zeitung stand. Aus dieser Sicht ist Horst Seehofers neue Aufstellung der CSU keine große Überraschung. Aus jedem anderen Blickwinkel ist sie es. Der neue starke Mann Bayerns hat aus den Schwächen seiner CSU viel gemacht. Nicht alles, was denkbar gewesen wäre, aber vieles.

Das deutlichste, fast sensationelle Signal heißt: Verjüngung. Es fällt besonders deutlich aus, weil es nicht dem üblichen Muster folgt. Das übliche Muster geht so: Wir befördern unter großem Getöse einen einzigen Jungen, und wir setzen ihn auf einen Posten, wo er ohne Schaden scheitern kann. Das Bundeslandwirtschaftsministerium ist aber für eine CSU, die gerade massiv bei den Bauern eingebrochen ist, eine strategische Position. Das Landesfinanzministerium ist es allemal. Soziales und Umwelt sind längst nicht mehr „Gedöns“. Überall dort sitzt jetzt die Generation Laptop, die Vierziger, für die die Lederhose nur noch nostalgisch-modisches Accessoire ist. Die anderen Parteien, das nur am Rande, sehen da auf einmal doch recht altbacken aus.

Dass der Mangel an geeigneten Älteren Seehofer den Generationensprung erleichtert, ja ihn fast dazu gezwungen hat – geschenkt. Der Ober-Bayer, selbst noch Teil des Ancien Regime, hat die Chance erfasst und nach vorne gedacht. Vor ihm liegt ein furchtbar schwieriges Jahr. Er muss der CSU in der Europa- und der Bundestagswahl den Beweis liefern, dass die Landtagswahl ein Ausrutscher war und nicht der Anfang einer Rutschpartie. Dazu muss er den Wählern glaubhaft Neuanfang versprechen. Obendrein braucht er eine Mannschaft, die in fünf Jahren bei der nächsten Landtagswahl immer noch kraftvoll wirkt. Diesen Teil an Neuerung hat Seehofer besorgt; der Rest der Truppe ist die übliche Mischung aus Bewährten, nicht Absetzbaren und Regionalproporz. Dass Seehofer im letzten Moment einen Nieder- statt eines Oberbayern zum Landes- Agrarminister machen musste, zeigt die Grenzen seiner Macht. Dass er dazu gezwungen werden musste, deutet an, dass der langjährige Bundessolitär das Bayerisch-Christsoziale noch nicht blind beherrscht. Es belegt aber auch, wie tief die Wunden des Machtkampfs nach dem Wahldesaster immer noch sind.

Fünf Namen im Gesamttableau sind besonders bemerkenswert. Christine Haderthauer – weil die glücklose Generalsekretärin als Sozialministerin ein versöhnliches Signal an die Wahlverlierer ist: Es war nicht nur eure Schuld. Ilse Aigner – weil die forsche Oberbayerin den schwersten Job hat, kaum Zeit hat sich zu bewähren bis zur Bundestagswahl und es trotzdem schaffen muss. Georg Fahrenschon – weil der neue Finanzminister der seltene Fall eines politisch denkenden Experten ist. Markus Söder – weil für die beste Ein- Mann-Show der CSU jetzt der Ernst beginnt.

Und schließlich Seehofers Generalsekretär. Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg hat nie dem Parteiprogramm nach dem Wort geredet, ist als differenzierter Außenpolitiker zu grober Holzerei unfähig und auch sonst von einnehmender Art und Intelligenz. Ihm fehlt außer einem Sinn für Machtverhältnisse praktisch alles, was den Partei-Normalgeneral der Neuzeit auszeichnet. Oder sollte Guttenberg es schaffen, das Amt zu prägen statt das Amt ihn? Das wäre eine echt gute Überraschung.

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