Kalle hat verstanden : Autowracks führen zu Schwarzfahrern führen zu Hundehaufen

Klaut einer, der für die BVG nicht zahlt? Etwa weil sein Auto abgefackelt wurde? Und jetzt verrichtet sein Hund noch sein Geschäft auf dem Bahnsteig. Matthias Kalle sieht, dass alle Probleme irgendwie zusammenhängen.

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So leicht wie hier dürften es der BVG nur wenige Schwarzfahrer machen.
So leicht wie hier dürften es der BVG nur wenige Schwarzfahrer machen.Foto: dpa

Ich weiß nicht genau, ob ich in meinem Leben öfter schwarz gefahren bin – oder aber mehr U- und S-Bahnen dadurch verpasst habe, dass ich am Ticketautomaten stand, Kleingeld eingeschmissen habe und darauf warten musste, bis mein Fahrschein endlich kommt. Ich glaube, ich habe mehr Bahnen verpasst, denn tatsächlich sind die paar Male, die ich kein Ticket hatte, aus Schusseligkeit passiert: ich hatte es einfach vergessen. Oder ich war in Eile, die Bahn stand am Gleis, ich lief, stieg ein – so schnell wird man im Leben manchmal kriminell.

Dabei will ich das nicht sein, ich will für eine Leistung, die ich in Anspruch nehme, das zahlen, was der, der die Leistung erbringt, von mir verlangt. Damit bin ich bisher gut durchs Leben gekommen: wenn ich eine Schrippe will, gehe ich zum Bäcker und zahle den Preis, den die Verkäuferin ausruft. Dass es etwas umsonst gibt in dieser Welt, daran habe ich nie geglaubt – selbst diese Kolumne schreibe ich nicht für Gottes Lohn: auch wenn der eine oder andere es als Skandal empfindet – ich bekomme dafür Geld.

Die BVG und die S-Bahn versuchen ihre Fahrgäste von A nach B zu befördern, und wenn im Universum alles stimmt, dann gelingt das sogar. Wenn man diesen Dienst in Anspruch nimmt, muss man dafür einen gewissen Betrag zahlen, das ist in der Regel immer so, wenn man von A nach B will, es sei denn, man geht zu Fuß oder fährt per Anhalter. Fahrrad? Muss man kaufen. Auto? Muss man leasen. Es sei denn, man klaut ein Fahrrad oder man klaut ein Auto, aber klauen ist verboten.

Aber klaut jetzt einer, der die BVG benutzt und dafür nicht zahlt? Ist schwarzfahren Diebstahl, der bestraft werden muss oder nur eine Sache, die irgendwie nicht okay ist? Die Diskussion darüber kam auf, als der Tagesspiegel meldete, dass vor allem Jugendrichter darüber klagten, das Schwarzfahrer-Fälle die Justiz blockieren: Ein Drittel der Häftlinge, die in Berlin Ersatzfreiheitsstrafen verbüßen, sitzen nach Auskunft von Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) wegen Schwarzfahrens ein. Die Gerichtsverfahren enden nämlich in der Regel mit Geldbußen, die die Verurteilten nicht bezahlen wollen oder können.

Damit begann eine Diskussion darüber, wie man mit dem Schwarzfahren in Berlin künftig umgehen solle. Die Diskussion fand über all statt, im Freundes- und Bekanntenkreis, im Tagesspiegel, im Radio – und jeder hatte eine Meinung dazu, manche hatten sogar zwei, aber es gab kaum einen Vorschlag, der Konsensfähig war. Ich hörte mir das alles an – und weil ich es komplett falsch finde, dass die Benutzung der BVG kostenlos zu sein hat (manche Berliner meinten, man könne eine Gebühr einführen, ähnlich wie die GEZ, die jeder Berliner zu zahlen habe, dann könne der öffentliche Nahverkehr umsonst sein), freundete ich mich mit dem „Pariser Modell“ an: Schranken am Eingang des Bahnsteiges, wo man Münzen oder Karten oder ähnliches reinwerfen oder reinschieben muss, dann geht die Schranke auf und man kann fahren.

Ja ja ja, ich weiß, das ist dann nicht mehr barrierefrei. Aber dann müsste man halt Personal einstellen, das immer da ist und hilft und möglicherweise würde das dann auch der Sicherheit dienen.

Am Donnerstag dann lehnte Gisela von der Aue es ausdrücklich ab, dass notorische Schwarzfahrer straffrei davonkommen. Und es bleibt also erstmal alles so, wie es war, und es wäre ja auch ein Wunder, wenn ein Problem, nachdem es bekannt und benannt und diskutiert wurde, gelöst werden würde. Das passiert beim Thema Schwarzfahren nicht und es passiert bei den Hundehaufen nicht, und natürlich könnte man jetzt auch sagen, dass es ja wohl wichtigere, drängendere Probleme in dieser Stadt gibt, die gelöst werden müssten.

Dass zum Beispiel andauernd Autos angezündet werden. Das produziert doch am Ende nur noch mehr Schwarzfahrer, denn wer kein Auto mehr hat, weil es abgefackelt wurde, muss auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen. Wenn der dann auch noch einen Hund hat, dann verrichtet der womöglich sein Geschäft auf dem Bahnsteig – die Probleme werden also nicht mehr, sondern weniger. Alles hängt mit allem zusammen. Zum Glück scheint diese Sache mit den Flugrouten gelöst zu sein.

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