Kalle hat verstanden : Der Papst ist weg – die Piraten bleiben

Schon wieder ist eine Woche vorbei. Matthias Kalle wollte eigentlich den Papst zum Thema seiner Kolumne machen. Doch dann kam alles ganz anders.

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An Slogans mangelt es der Piratenpartei nicht.
An Slogans mangelt es der Piratenpartei nicht.Foto: Reuters

Ob der Papstbesuch ein Thema sein könnte, darüber habe ich die ganze Woche nachgedacht, und dann kam der Donnerstag, der Papst war da, und ich musste ausgerechnet gegen 14 Uhr da lang fahren, wo alles gesperrt war. Da stand ich also, mit mir viele, sehr viele Menschen, in ihren Autos, in den Bussen, auf Rollern und Motorrädern, nur die Fußgänger und Fahrradfahrer kamen voran, aber es passierte: nichts. Kein Gehupe, keine Gejammer, kein Gemecker – tatsächlich schienen die Berliner in der Katastrophe geeint, man schaute sich schmunzelnd, achselzuckend an. „Wann geht’s wohl weiter?“ - „Ach, irgendwann bestimmt.“ - „Na, dann ist ja alles klar.“

Der Papst war also da, und es hat niemanden so richtig interessiert – auch das Fernsehen konnte keine Punkte machen mit seiner Übertragung, vielleicht, weil der Glamour fehlte, der zum Beispiel bei Adelshochzeiten mitflirrt. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich die RBB-Spitzenkraft Claudia Nothelle mit Günter Netzer verwechselt habe – eventuell macht sich da ein Leiden bemerkbar.

Denn obwohl ich mich mit dem Fernsehen einigermaßen auskenne, habe ich am Mittwochabend Anne Will mit Sandra Maischberger verwechselt. Ich schaltete in die ARD, sah eine Talkshow, in der die Gäste auf Sesseln saßen, und wunderte mich, dass Maischberger irgendwie anders aussah. Aber zum Glück blenden die bei der ARD ja jetzt immer den Namen der Talkshow unten rechts ein, das mindert die Verwirrung.

Dabei war „Anne Will“ gar nicht so schlecht, mit unter war es interessant, denn es ging um die so genannte Piratenpartei. Eingeladen war unter anderem deren Kandidat Christopher Lauer, den politische Beobachter gerne mit dem jungen Joschka Fischer vergleichen, weil ja auch die Piraten mit den jungen Grünen verglichen werden. Lauer gegenüber saßen die Politprofis Bärbel Höhn (Grüne), Martin Lindner (FDP) und Peter Altmaier (CDU), und es war dann ausgerechnet die Grüne Höhn, die die Internetkompetenz ihrer Partei gegenüber Lauer verteidigen wollte, was in dem großen Höhn-Satz gipfelte: „Ich guck auch Internet.“

Piratenpartei entert Berlin
Plötzlich Politiker: Wie die Piraten seit dem Einzug ins Abgeordnetenhaus ihr Leben umkrempeln. Alexander Morlang hatte seinen Chef bereits vorgewarnt – und Aufträge nur bis zum 18. September angenommen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Mike Wolff
11.12.2011 17:52Plötzlich Politiker: Wie die Piraten seit dem Einzug ins Abgeordnetenhaus ihr Leben umkrempeln. Alexander Morlang hatte seinen...

Ja. Und da hatte dann Lauer gewonnen, in dem er diesen Satz einfach nur wiederholte. Und die Botschaft war natürlich: Ihr habt kein Mittel gefunden und auch keine Sprache, um zu erklären, warum wir Piraten plötzlich da sind.

Anders als Höhn begegnete ihr Parteifreund Hans-Christian Ströbele den Piraten – von oben herab. Ströbele empfahl ihnen, zunächst mal die Frauenfrage zu klären, mit anderen Worten: Werdet mal gefälligst eine ganze normale Partei und haltet euch an die Regeln, die zwar nirgends aufgeschrieben sind, aber an die sich alle halten.

Die politische Klasse – das merkte man in dieser Woche – begegnete dem Phänomen Piratenpartei ahnungslos, abweisend, voller Unverständnis. Tatsächlich aber reagierten die Medien ähnlich. So war zum Beispiel zu lesen, dass sich Andreas Baum, der Berliner Spitzenkandidat, so einen „Fauxpas“ wie bei der Schuldenfrage nicht mehr leisten könne; Baum wurde vor der Wahl gefragt, ob er wisse, wie hoch Berlin verschuldet sei. Er wusste es nicht, dann nannte er eine viel zu niedrige Zahl – damit soll er sich „lächerlich“ gemacht haben.

Das ist natürlich Unsinn. Baum hat sich damit nicht lächerlich gemacht, er hat damit Stimmen gewonnen, denn es ist diese Ehrlichkeit, auch diese Naivität, die in Berlin neun Prozent der Wähler begeistert hat. Neun Prozent bekommt man nämlich nicht, wenn man nur „für das Internet“ ist. Auch nicht als Spaß-Partei (wobei die Piraten eines mit Sicherheit nicht sind: eine Spaß-Partei, denn die sind alle nicht lustig, sondern höchstens skurril, das ist aber ein Unterschied). Und sie sind auch nicht „cool“, sie sind nicht die „Digitale Bohéme“ die in den Internetcafés von Mitte und Friedrichshain sitzen (das sind Hipster, die Modeblogs betreiben und eher nicht wählen gehen).

Der Papst hat Berlin am Freitagvormittag übrigens wieder verlassen. Die Piraten werden bleiben. Aber wer sie sind und wer sie sein werden, das wird sich erst noch herausstellen. Und wenn in Zukunft darüber berichtet wird, dann bitte ohne maritime Anspielungen.

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