Kalle hat verstanden : Hurra, wir protestieren!

Es scheint so, als würde die Politik die Ängste und Bedenken der Bürger beim Thema Integration ernst nehmen - bei Stuttgart 21 oder bei der Anti-Atom-Bewegung jedoch nicht. Über das wütende Bürgertum und die Verführung des Volkes.

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Die Menschen gehen auf die Straße, weil sie nicht einverstanden sind - wie hier in Stuttgart.
Die Menschen gehen auf die Straße, weil sie nicht einverstanden sind - wie hier in Stuttgart.Foto: dapd

Meine Prognose für die Fußballbundesligasaison 2010/2011 lautet: Deutscher Meister wird Borussia Dortmund. Das ist kein Bauchgefühl. Alle Zahlen sprechen für Dortmund. Immer, wenn die Konstellation der Tabelle so ähnlich aussah, wie sie zur Zeit aussieht, wurde Dortmund Meister. Die Statistik ist also komplett auf meiner Seite. Hinzu kommen Erfahrungswerte, die ich hauptsächlich vor dem Fernseher sammle. Zu erwähnen wäre vielleicht auch noch, dass ich ganz doll möchte, dass Dortmund Deutscher Meister wird.

Unseriöser Quatsch? Wunschdenken? Ahnungsloses Gewäsch? Na, na, na - ich habe lediglich nichts anderes gemacht als so genannte Wirtschaftsinstitute, die in ihren neusten Prognosen von einem Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent ausgehen. Noch vor ein paar Monaten gingen sie übrigens von 0,5 Prozent aus und vor ein paar Monaten hätte ich auch nicht gesagt, dass Dortmund Meister werden wird - aber die Dinge in Deutschland sind eben gerade höllisch kompliziert. Aber ich glaube, das liegt daran, dass Deutschland ein so furchtbar kompliziertes Land ist.

Einige meinen also, wir erleben gerade ein Wirtschaftswunder. Die Arbeitslosenzahlen würden im kommenden Jahr konstant unter drei Millionen liegen. Die Wirtschaft wird brummen, die Maastricht-Kriterien eingehalten, allen wird es gut gehen, jedenfalls besser als, sagen wir, vor zwei Jahren, als die Krise begann. Trotzdem gehen die Menschen auf die Straße, weil sie nicht einverstanden sind. In Stuttgart protestiert das so genannte Bürgertum gegen den Bau eines unterirdischen Bahnhofs, im Fernsehen sieht man ältere Mitbürger, die weinen, weil sie - wie sie es selber sagen - so wütend sind.

In Hamburg ist das Bürgertum nicht mehr wütend, im Hamburg hat das Bürgertum im Sommer eine Schulreform verhindert. Jetzt sind die Hamburger sehr zufrieden. Ein paar Kilometer weiter weg wird im November ein Castortransport durch das Wendland rollen. Dann werden wieder viele Unzufriedene dagegen protestieren, eventuell sogar mehr als in den vergangenen Jahren, denn der Protest gegen die Atomkraft hat in letzter Zeit wieder an Fahrt gewonnen.

Niemand protestiert im Moment gegen die CSU und den bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der einen Zuwanderungsstopp fordert und Thilo Sarrazin mal eben rechts überholt hat. Aber gegen Sarrazin und sein Buch ist auch niemand auf die Straße gegangen, eher im Gegenteil. Und jetzt übertreiben es die Politiker damit, einen Teil der Zustimmung, die Sarrazin aus der Bevölkerung bekommt, auch bekommen zu wollen. Es scheint ein bisschen so, als würde die Politik die Ängste und Bedenken der Bürger beim Thema Integration ernst nehmen - bei Stuttgart 21 oder bei der Anti-Atom-Bewegung jedoch nicht.

Laut einer neuen Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung hat die Ausländer- und Islamfeindlichkeit deutlich zugenommen, ein Viertel der Bevölkerung schließt sich fremdenfeindlichen Aussagen an. Vor zwei Jahren war es noch ein Fünftel der Bürger. Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung stimmen der Studie zufolge der Einschätzung zu: "Ausländer kommen, um den Sozialstaat auszunutzen", und ein ebenso großer Anteil meint, bei knappen Arbeitsplätzen "sollte man Ausländer wieder in ihre Heimat schicken", und durch "die vielen Ausländer" werde Deutschland "in einem gefährlichen Maß überfremdet". Der Aussage "Für Muslime in Deutschland sollte die Religionsausübung erheblich eingeschränkt werden", schließen sich 58,4 Prozent der Bevölkerung an - in Ostdeutschland 75,7 Prozent. Mehr als jeder Zehnte sehnt sich nach einem "Führer", der "Deutschland zum Wohle aller mit harter Hand regiert", ergab die Umfrage. Jeder Zehnte hält eine Diktatur für "die bessere Staatsform".

Vor vier Jahren gab es in diesem Land angeblich ein Sommermärchen - während der WM feierte sich Deutschland in einen Rausch der Toleranz und Weltoffenheit, aber offensichtlich geht ein Rausch eben auch wieder vorbei und was bleibt ist ein Kater und die Frage: "Was hab ich mit zugedröhntem Kopf eigentlich gemacht?" Menschen, die damals skeptisch waren, verloren diese Skepsis dann, als sie die neuen Bürgerproteste zum Anlass dafür nahmen, dass die Deutschen anscheinend nicht mehr die obrigkeitshörigen Deppen sind, die sie doch immer waren - der Umfrageerfolg der "Grünen" gab ihnen die letzte Argumentationshilfe dafür, dass man sich vielleicht doch nicht mehr dafür schämen müsse, ein Deutscher zu sein.

Im Frühjahr, als das Sarrazin-Buch noch nicht erschienen war, und als niemand von einem Wirtschaftsaufschwung sprach; als die Proteste gegen Stuttgart 21 noch kein Massenphänomen waren und es noch keine neue Atomdiskussion gab, erschien ein Gesprächsbuch von Helmut Schmidt und Fritz Stern. Darin sagt Schmidt: "Mein Vertrauen in die Kontinuität der deutschen Entwicklung ist nicht sonderlich groß. Die Deutschen bleiben eine verführbare Nation - in höherem Maße verführbar als andere." Darauf angesprochen, was seine Aussage stützt, sagte der Altkanzler: "Es ist keine wissenschaftliche Aussage. Sie kommt aus dem Gefühl, aus dem politischen Instinkt." Keine Prognose. Ein Gefühl. Kein gutes.

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