Kalle hat verstanden : Mit Weizenbier ins Kabarett

Gibt es so etwas wie modernen und unmodernen Humor? Matthias Kalle schreibt über den Witz der Marx Brothers, den deutschen Humor des Bundesfinanzministers Schäuble und über die Königsdisziplin der Komik.

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Matthias Kalle.
Matthias Kalle.Foto: Privat

Ich glaube, es gibt eine Verbindung zwischen älteren Männern, die ins Kabarett gehen, und dem Trinken von Weizenbier, ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass ältere Männer nur mit einem Weizenbier überhaupt ins Kabarett gehen – tatsächlich weiß ich es, denn das habe ich gesehen, am vergangenen Sonntag, als ich bei der Lesung von Harald Martenstein in den Wühlmäusen war.

Vollkommen zurecht war die Lesung ausverkauft, Martenstein las zwei Stunden aus seinen besten Kolumnen, eine Auswahl, natürlich hätte Martenstein auch zwei Tage durchlesen können, aber dann hätte das Weizenbier nicht gereicht, was die älteren Männer im Publikum getrunken haben. Nach einer Stunde gab es eine Pause, die meisten gingen an die Theke um sich ein Weizenbier zu bestellen, ein junger Mann, der vor mir aus dem Saal ging, sagte zu seiner Begleitung, dass er Martensteins Humor für „unmodern“ halte, es sei wohl eher Humor für eine andere Generation.

Das es modernen und unmodernen Humor geben soll, war für mich neu. Ich bin Mitte 30, geistig und körperlich neige ich eher zu Anfang als zu Ende 30, und vor vielen Jahren, als ich noch ein Kind war, da brachte mich erst Jerry Lewis, danach die Marx Brothers zum Lachen. Ich erinnere mich an Sonntagnachmittage, da zeigte die ARD die Komödien mit Jerry Lewis und Dean Martin und während Dean Martin hauptsächlich damit beschäftigt war, eine coole Sau zu sein, machte sich Jerry Lewis zum Affen – etwas ähnlich Grandioses habe ich erst wieder bei Jim Carrey gesehen: Die Einfachheit der Witze, die Leichtigkeit des Humors – das ist ja das schwerste überhaupt, aber bei Lewis früher und bei Carrey heute sieht es so leicht aus. Darüber staune ich immer wieder.

Und ich staune über die Filme der Marx Brothers, jeder einzelne eine Lehrstunde der Selbstironie; zusammen mit seinen Brüdern Harpo und Chico drehte Groucho Marx in den dreißiger und den vierziger Jahren eine Reihe von Filmen, die den Humor revolutionierten: die Geschichten wurden im rasanten Tempo erzählt und die Abfolge der Gags glich einem Trommelfeuer. Der Humor der Marx-Brothers war anarchistisch, brillant, manchmal völlig sinnfrei, und er ging immer auf Kosten der Bösen, der Mächtigen, auf Kosten derer eben, die niemand mag

Alter Humor, vielleicht. Aber unmodern? Was wäre moderner Humor? Es gibt, zumindest im deutschen Humor, den man ja Comedy nennt, eine Tendenz zur Gemeinheit. Vergangene Woche gab es ja eine Comedyveranstaltung, getarnt als Pressekonferenz des Bundesfinanzministers Wolfgang Schäuble. Der führte seinen Pressesprecher vor, der schmiss danach seinen Job hin, Schäuble fand das alles offenbar lustig, jedenfalls lachte er, aber er bewies damit nur eines: Im deutschen Humor stimmt die Fallhöhe nicht. Auch andere deutsche Komiker machen ihre Witze auf Kosten von Menschen, die sich nicht wehren können. Wo Jerry Lewis und die Marx-Brothers Menschlichkeit und Wärme in ihre Gags legten, um der Kaltherzigkeit ins Gesicht zu lachen, arbeiten deutsche Komiker mit dem Stilmittel der Ironie, vielleicht soll das modern sein. Selbstironie ist irgendwie out, dabei ist die Ironie eine Art Schutz, eine Hülle, um ja nichts an sich ranzulassen. Selbstironie dagegen bedeutet, die Dinge doch an sich ranzulassen, sie mit ihnen auseinanderzusetzen.

Während Schäuble also alles falsch gemacht hat, machte Jürgen Klopp, der Trainer des Tabellenführers Borussia Dortmund alles richtig, als er dem WDR-Mann Arndt Zeigler ein Interview gab, bei dem die beiden vorab vereinbarten, dass sich Jürgen Klopp selber mal schön auf den Arm nimmt und gleich dazu auch noch all die Phrasen seiner Kollegen. Das Video wurde zu einem Hit auf Youtube.

Der französische Philosoph Henri Bergson hat versucht, in seiner Schrift „Das Lachen“ die Komik zu definieren aber er erfasst sie nur zum Teil: „Das Lachen hat keinen größeren Feind, als die Emotion.“ So ausgedrückt ist das natürlich ganz großer Unfug. Was Bergson meint, ist, dass wir über einen Menschen, für den wir etwas empfinden – sei es Mitleid, sei es Liebe, sei es Hass – nicht lachen könnten, denn „die Komik bedarf also einer vorübergehenden Anästhesie des Herzens, um sich voll entfalten zu können. Sie wendet sich an den reinen Intellekt.“ Das eben tut sie nicht und sie sollte es auch nicht tun.

Die Königsdisziplin der Komik, die Selbstironie, bewegt das Herz, wie sonst vielleicht nur die Liebe. Selbstironie wendet sich niemals an den Intellekt, immer an das Gefühl – an mein eigenes und an das meines Gegenübers, das mit mir lachen soll. Die Menschen, die ich am meisten liebe, mit denen ich mich am stärksten verbunden fühle, sind die, über die und mit denen ich lachen kann und es sind gleichzeitig die, die über mich lachen können. Komik bedeutet so vielmehr die absolute Reinheit des Herzens. Im Grunde ist es doch ganz einfach: Man muss die Menschen lieben, um sich über sie lustig machen zu können. Und Selbstironie bedeutet, sich seine Schwächen, seine Fehler einzugestehen. Durch sie lernen wir etwas über uns. Sich selbst nicht zu ernst nehmen, sich immer wieder hinterfragen, zu überprüfen. Selbstironie hat Kraft. Selbstironie ist Selbstkritik, sie bedeutet, sich selbst beim Leben zuzuschauen.

Und dabei kann man dann durchaus auch ein schönes Weizenbier trinken.

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