Meinung : Kalte Fackel

Nach London nun Paris: Warum das olympische Feuer immer mehr Proteste provoziert.

Malte Lehming

Die Proteste entlang dem olympischen Fackellauf sind halbherzig, nutzlos, einseitig, medial aufgebauscht, egoistisch. Sie sind halbherzig, weil sich die Welt nun einmal für China als Ausrichterland der Olympischen Sommerspiele entschieden hat. Man soll entweder zu dieser Entscheidung stehen oder sie rückgängig machen. Sie sind nutzlos, weil sie weder etwas an der Menschenrechtslage in China ändern noch an der Besetzung Tibets. Womöglich führen die Bilder sogar zu einer Solidarisierung vieler Chinesen mit ihrer Regierung.

Sie sind einseitig, weil sie sich vor allem gegen die Lage in Tibet richten, andere heikle Themen wie Sudan, Taiwan, Billiglöhne indes ausgeklammert werden. Schon mokieren sich Kolumnisten über den Dalai Lama als einen „Popstar für die Wellnessgesellschaft“.

Sie sind medial aufgebauscht, weil spektakuläre Störaktionen den Eindruck erwecken, als handele es sich um eine Massenbewegung. Dabei wird spätestens am 8. August, wenn die Olympischen Spiele beginnen, der ganze Knatsch rund um die Fackel vergessen sein. Und sie sind egoistisch, weil sie dem guten Gewissen der Protestierer dienen, nicht aber das Los der Geknebelten, Entrechteten und Unterdrückten verbessern helfen – auch weil der Westen sich seine Multimilliarden Euro schweren Geschäftsbeziehungen zu Peking nicht miesmachen lässt.

Abgesehen davon allerdings, von all diesen Schwächen, Hilflosigkeiten und Widersprüchen, sind die Proteste vor allem eins: ein großartiges, ergreifendes Zeugnis politischer Moral! Ein Zeugnis, das zum Mitmachen ermutigt. Ein Zeugnis, das belegt, dass die Menschen Unrecht noch empört, sie provoziert und in die Aktivität treibt. Jeder, der bei Schnee oder Regen mit den fünf Stacheldrahtringen auf seinem T-Shirt entlang der Straße steht, ein Plakat trägt oder eine Parole skandiert, bringt zum Ausdruck: Unrecht darf nicht beschwiegen werden.

Ist das nicht selbstverständlich? Nein. Die Chinesen wollten aus diesem Fackellauf der Superlative – 137 000 Kilometer durch 20 Staaten und fünf Kontinente, 21 880 Läufer, der höchste Punkt ist der Mount Everest – eine Demonstration ihrer Macht machen. Unter anderem führt die propagandistische Route durch Taiwan und Tibet. Aus dieser „Reise der Harmonie“, wie die Tour schönfärberisch genannt wurde, könnte nun eine gigantische Protestparade werden. Am Montag musste das Feuer vorübergehend gelöscht werden. Die Fackel, die nicht brennt: Gibt es ein stärkeres Symbol für einen Olympiagedanken, der kein Friedensfeuer mehr entfacht?

Peking beschuldigt „tibetische Saboteure“, für das Chaos in London und Paris verantwortlich zu sein. Wie albern, anmaßend und arrogant! So gesehen bestand gestern ein Großteil der Einwohner von Paris aus „tibetischen Saboteuren“. Ein offizielles großes Banner am Rathaus kündete von ihrer Solidarität. Im Mutterland der Menschenrechte siegte die Moral erneut über Zynismus, Relativierung und Bagatellisierung. Nächste Station: San Francisco.

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