Kampf der Kulturen : Einmalig, nicht universell

Nach dem Mauerfall 1989 und dem Ende des Kalten Krieges kamen alte und neue Konflikte zum Vorschein. Noch immer suchen wir nach Antworten auf dieses Paradigma. Der Historiker und Politologe Samuel P. Huntington hat die Debatte mitgeprägt und wurde oft missverstanden.

Bernhard Schulz

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 soll sich Osama bin Laden gebrüstet haben, dies sei der erste Höhepunkt im „Kampf der Kulturen“ gewesen. Nun darf man zwar bezweifeln, dass der saudische Terrorist das Buch dieser Überschrift je in der Hand gehalten hat; der amerikanische Originaltitel spricht auch etwas vorsichtiger vom „Zusammenprall der Zivilisationen“. Aber der Begriff war nun einmal in der Welt und wurde weidlich benutzt, sei es, um das angeblich drohende Armageddon zwischen Abend- und Morgenland auszurufen oder aber im Gegenteil auf die beruhigenden Folgen der Globalisierung zu verweisen, die Kriege klassischen Zuschnitts allein schon ihres ökonomischen Irrsinns wegen ausschließen werde. Nun ist der Urheber dieses Titels – nicht dieser Thesen –, Samuel P. Huntington, 81-jährig gestorben. Und doch ist sein Buch von 1996 kein Ladenhüter.

Im Gegenteil. Huntington suchte nach einer Antwort auf die historische Lücke, die der Wegfall des Eisernen Vorhangs hinterlassen hatte. Als Ladenhüter erwies sich dagegen der schnelle Jubel des Professorenkollegen Fukuyama, nun sei das „Ende der Geschichte“ gekommen und die ganze Welt werde marktwirtschaftlich, liberal und demokratisch werden, als ob sie nur darauf gewartet hätte zu werden, was ein deutscher Soziologe Jahrzehnte zuvor durchaus verächtlich die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ genannt hatte. Huntington sah tiefer. Er sah sehr nüchtern, dass die Werte des Westens „einmalig, aber nicht universell“ seien, wie er es formulierte: in unseren Augen vorzüglich, aber darum noch lange nicht für die gesamte Welt begehrenswert. Und damit meinte er mitnichten nur den Islam. Dass die westliche Vorstellung von Laizismus und Individualismus für den Islam, der sich stets als weltumspannende Einheit verstanden hat, keine überwältigende Anziehungskraft besitzt, konnte man auch vor Huntington wissen. Neu aber war seine Sicht, dass zivilisatorische Grundmuster die machtpolitischen, ökonomischen und nicht zuletzt waffentechnischen Faktoren, die während der vier Jahrzehnte des Kalten Krieges alles zu erklären schienen, zu überdauern und sogar beiseite zu schieben vermögen.

Acht Zivilisationen hat Huntington benannt. Früh hat er die Rolle Chinas hervorgehoben, dessen eigentümliche Mischung aus wirtschaftlichem Erfolg, weltpolitischer Selbstinszenierung und autoritärem, anti-individualistischem Staatswesen während der Tibetkrise im Frühjahr dieses Olympiajahres doch so deutlich geworden ist. Früh hat er auf Indien verwiesen, im Westen lange als Musterbeispiel eines multikulturellen Friedenslandes verklärt, dessen innere Radikalisierung jüngst in Bombay so furchtbar zutage getreten ist. Man muss den „Kampf der Kulturen“ nicht fatalistisch als unabwendbar drohendes Schicksal anstarren, das nicht; aber Abbitte leisten dürfen so manche derjenigen, die sich die Welt allzu rosig gemalt haben. Wir alle haben sie zu rosig gemalt, als vor fast genau zwanzig Jahren jener Konflikt geradezu spurlos verschwand, der unsere scheinbar nur west-östlich geteilte Welt jahrzehntelang dominiert hatte. Was wir lernen mussten und müssen, ist, dass es mehr gibt als zwei oder drei Zivilisationen; vor allem aber, dass sie dauerhafter sind als geglaubt, ja vielleicht sogar gegenüber jenen Veränderungen resistent, die wir als selbstverständliche Marksteine auf dem Weg zum Weltenglück (miss-)verstanden haben.

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