Meinung : Kampf gegen Terror: Ist Bush ein Grüner?

Dürfte die grüne Parteivorsitzende Claudia Roth die Strategie des Kampfs gegen Terror bestimmen, würde sie ungefähr Folgendes fordern: Die notleidende afghanische Zivilbevölkerung muss vor dem Verhungern gerettet werden. Die Drahtzieher der Anschläge und ihre Hintermänner sollen durch Diplomatie isoliert werden. Vor gewaltsamen Aktionen sind Beweise für ihre Verstrickung vorzulegen. Militärschläge dürfen nur das allerletzte Mittel sein. Es gilt, Ruhe und Besonnenheit zu wahren.

Genau das passiert in diesen Tagen: Täglich werden Hunderte Tonnen Lebensmittel nach Afghanistan gebracht, Amerika zahlt mehr als die Hälfte. Was es an Beweisen gegen bin Laden und seine Terror-Organisation Al Quaida gibt, kann man im Internet nachlesen. Die internationale Diplomatie zieht den Ring um ihn und das Taliban-Regime immer enger, schneidet sie von ihren Geldquellen ab. 26 Tage nach dem Angriff auf Amerika hat es keinen Militärschlag gegeben. Diese weiche Strategie stammt aber nicht von Claudia Roth, sondern von einem Mann, dem Claudia Roth das nie zugetraut hätte: von George W. Bush.

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Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern In der Stimmung direkt nach dem 11. September wäre das undenkbar gewesen. Die öffentliche Meinung in den USA forderte Vergeltung - und Präsident Bush versprach eine Strafaktion. Inzwischen haben sich Erwartungen und Ankündigungen völlig gewandelt. US-Verteidigungsminister Rumsfeld beschreibt den Kampf gegen Terror jetzt als "kalten Krieg". Kanzler Schröder sagt, militärische Aktionen spielten nicht die Schlüsselrolle. Mag sein, die Öffentlichkeit wird demnächst von einer kleineren Operation überrascht. Aber wer rechnet noch mit einem groß angelegten Angriff auf Afghanistan wie 1991 gegen Irak?

Der Tempowechsel in der öffentlichen Erwartung - weg vom kurzfristigen Militärschlag hin zu einem auf lange Sicht angelegten Zusammenspiel von viel Diplomatie, einer guten Portion Polizeiarbeit und ein wenig Militär - ist eine große, eine überraschende politische Leistung der US-Administration. Diesen Kraftakt sollte man sich nicht klein reden - etwa mit der Behauptung, dass Amerika gar nicht anders konnte, weil es zunächst seine Flugzeugträger und Bomber in Stellung bringen musste. Oder, dass die Streitkräfte trotz aller elektronischen Hochrüstung nicht wussten, worauf schießen, weil bin Laden und sein Netz sich der US-Aufklärung entziehen. Erstens können die USA mit ihren ferngesteuerten Lenkwaffen und Langstreckenbombern jederzeit jeden Punkt auf dem Globus angreifen. Zweitens sind längst amerikanische und britische Spezialeinheiten zur Zielaufklärung in Afghanistan gewesen. Mag sein, dass ihre Erkenntnisse es zusammen mit den Sandstürmen der jüngsten Tage nicht ratsam erscheinen ließen, loszuschlagen.

Doch warum sollte das Bushs Leistung mindern? Er war zunächst mit einer übermächtigen Stimmung konfrontiert: Amerika muss zurückschlagen! Mit großem Geschick hat er diese Erwartung einerseits rhetorisch bedient, andererseits allmählich abgefedert und umgelenkt - ohne deshalb als untätig oder gar schwach zu erscheinen. Er hat die Kriegsstimmung in doppeltem Sinn moderiert, hat sie aufgefangen und gemäßigt. Selbst wenn es zuträfe, dass Bush zuschlagen wollte, aber lernen musste, dass dies zu riskant ist: Man müsste ihm erst recht Anerkennung zollen. Zum Umlenken käme das Umdenken hinzu.

Bush setzt auf Zermürbung. Das Taliban-Regime fühlt sich in die Enge getrieben, flüchtet sich in immer neue Verhandlungsangebote. Doch wird Bushs Strategie langfristig aufgehen? Irgendwann muss er sichtbare Erfolge vorweisen, muss bin Laden und seine wichtigsten Komplizen zu fassen kriegen. Oder ist auch das nur wieder eine dieser falschen Erwartungen? Weil der eigentliche Erfolg dieses Kriegs gegen Terror sich schwer messen und beweisen lässt - Anschläge nach Möglichkeit zu verhindern.

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