Meinung : Kampf gegen Terror: Siegen kann blind machen

Malte Lehming

Schon wird Bilanz gezogen. Der Krieg in Afghanistan war ein voller Erfolg, heißt es. Die Taliban-Tyrannei wurde in nur zwei Monaten beendet, die Bevölkerung befreit, die humanitäre Katastrophe abgewendet und die Bildung einer halbwegs stabilen Nachfolgeregierung eingeleitet. Wir haben Bilder glücklicher Frauen gesehen, die den Schleier abnehmen, und jubelnder Männer, die den Bart abrasieren. Überdies scheinen sich die Kollateralschäden in Grenzen zu halten.

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Kurz und fast schmerzlos verlief die Operation. Zwar stehen noch einige Fragen im Raum. Die lokalen Kriegsfürsten etwa könnten sich bald gegenseitig bekämpfen. Das wäre nicht schön. Aber tragisch wäre es auch nicht. Die Weltgemeinschaft wird die ärgsten Exzesse sicher verhindern. Denn den Geldsegen für den Wiederaufbau des Landes wird sie nur an jene Gruppierungen fließen lassen, die sich anständig verhalten. Den Peitschenschlägen folgen die Zuckerbrote. Außerdem rückt demnächst eine multinationale Streitmacht ein. Gründe, Trübsal zu blasen, gibt es heute auf jeden Fall weniger als vor Beginn der US-Bombardements.

Das alles ist so richtig wie nebensächlich. Die Befreiung Afghanistans ist zwar erfreulich, aber lediglich ein Kollateralnutzen der "Operation dauerhafte Freiheit". Deren Ziel war es nicht, eine extremistische Herrschaftsform zu beseitigen, sondern die Gefahr des international operierenden Terrorismus zu verringern. Auslöser des Krieges waren die Anschläge vom 11. September. Das sollte nicht vergessen werden. Die Gefühle der Erleichterung und Genugtuung dürfen den Fokus nicht verschieben. Sonst droht ein böses Erwachen.

Afghanistan ist erst der Anfang, sagt die amerikanische Regierung bei jeder Gelegenheit. Man muss sie beim Wort nehmen. In den USA existiert ein breiter Konsens sowohl zwischen den beiden großen Parteien als auch in den Medien und der Öffentlichkeit darüber, dass es eine zweite, dritte, vierte und fünfte Phase des Anti-Terror-Kampfes geben wird. Die Frage, ob der Krieg ausgeweitet wird, ist also längst mit Ja beantwortet. Offen ist, wann und gegen wen der nächste Feldzug beginnt. Ganz oben auf der Liste stehen Somalia und der Irak. Beweise für deren Verwicklung in die Anschläge braucht Washington nicht. Es genügt das Kriterium einer fortgesetzten Bedrohung. Es geht um Prävention, nicht um Bestrafung.

Der Verlauf des Afghanistan-Krieges hat die Diskussion über weitere Kampfgebiete intensiviert. Plötzlich scheint alles spielend leicht zu sein. Warum also nicht gen Bagdad ziehen? Vielleicht werden die arabischen Massen erneut stillhalten, vielleicht ist wieder nur ein Luftkrieg ohne Bodentruppen nötig, vielleicht wird eine kleine, in sich zerstrittene Opposition abermals den Sieg davon tragen.

Solche Argumente klingen verlockend. Aber sie verdecken die Risiken. Was einmal geklappt hat, muss kein zweites Mal klappen. Als Ratgeber ist die Geschichte nur bedingt tauglich. Weder hat sie uns gelehrt, warum der Afghanistan-Feldzug misslingen muss - Stichwort Vietnam -, noch werden wir aus ihr ableiten können, warum ein Erfolg zwangsläufig zum nächsten führt. Für die Bundesregierung verheißt das nichts Gutes. Die Ausweitungs-Diskussion kommt. Das steht fest. Auf deutsche Koalitionssorgen werden die Amerikaner keine Rücksicht nehmen. Auf einen deutschen Wahlkampf auch nicht.

Was aber soll Gerhard Schröder tun? Soll er den USA beim Thema Irak die Gefolgschaft verweigern oder weiterhin das Versprechen der uneingeschränkten Solidarität halten? Soll er Deutschland isolieren oder seine Regierung ruinieren? Die Probleme, die der Kampf gegen den Terrorismus mit sich bringt, werden größer statt kleiner.

Im Wahljahr werden die klassischen Themen dominieren - Krieg, Rezession, Arbeitslosigkeit. Was Schröder dem an Leistungen entgegensetzen kann, klingt auf einmal trivial: die Reform des Einwanderungsrechts, die Ökosteuer und die Homo-Ehe. Das sind die Koordinaten der alten politischen Welt. Seit dem 11. September gelten andere Maßstäbe.

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