Meinung : Kampf mit dem Ungeist

Spät, aber nicht zu spät: Iraks Regierung geht gegen die Privatarmeen vor

Christoph von Marschall

Jagdbomber fliegen Angriffe auf Städte, Kampfpanzer rasseln durch die Straßen, Rauchsäulen stehen über ganzen Vierteln. Es sind Bilder und Geräusche des Krieges, die jetzt wieder vermehrt aus dem Irak dringen, nicht die einer Militärmacht, die ihre Waffen nur zur Kontrolle und Stabilisierung einsetzt. Die Schauplätze verteilen sich über das Land: Bagdad, Nadschaf, Amara, Falludscha. Kehrt der Krieg zurück? Womöglich landesweit?

Präzise und bündig ist die Frage kaum zu beantworten, die Lage im Irak entspricht so gar nicht dem Wunsch nach klaren Verhältnissen. Die Hauptkampfhandlungen sind seit über einem Jahr vorbei, mit dieser stolzen Aussage auf dem Flugzeugträger am 3. Mai 2003 hatte Präsident Bush nicht einmal gelogen. Und doch ist der Krieg nie recht zu Ende gegangen, bis heute nicht: Anschläge und Überfälle reißen nicht ab, zeitweise kontrollieren Widerständler ganze Städte, wie die jetzt umkämpfte Hochburg des radikalen Schiitenpredigers Muqtada al Sadr, Nadschaf. Es herrscht nicht Krieg, aber Kleinkrieg, und das vielerorts.

Wer wagt da eine feste Prognose, ob die Lage insgesamt besser oder schlechter wird? Die Intensität der Kämpfe gleicht einer Wellenbewegung. Es gibt Anzeichen für eine kleine Stabilisierung: Die Anschläge auf Besatzungstruppen sind seltener geworden, ebenso die Attentate auf hohe Regierungsmitglieder, die sich kurz vor und nach der Machtübergabe häuften. Offenbar kann der Widerstand den verbesserten Schutz solcher Ziele nur noch schwer überwinden. Die Autobomben gelten jetzt meist Irakern, die auf der Suche nach einem Job Schlange stehen. Im Kampf um die Herzen der Bevölkerung nützt das gewiss nicht den Attentätern, zumal die sunnitische wie die schiitische Geistlichkeit Angriffe auf Iraker verboten hat. Von den düsteren Warnungen aus dem Herbst – Bürgerkrieg, Bündnis sunnitischer und schiitischer Kämpfer, flächendeckende Erhebung, Zerfall des Irak in einen kurdischen, sunnitischen und schiitischen Teil – ist heute wenig zu hören.

Aber darf man aus solchen Indizien die Hoffnung auf eine allmähliche Befriedung ableiten? Wo doch nicht einmal das Pentagon in seiner Studie über den Widerstand genau sagen kann, wer den Koalitionstruppen im Irak als Feind gegenübersteht, wie stark diese Kräfte sind und ob sie eher wachsen oder schrumpfen.

Über die aktuellen Kämpfe in Nadschaf kann man eines ziemlich sicher sagen: Sie kommen nicht überraschend, sind überfällig und dienen der Stabilisierung, auch wenn sie erst einmal Tote, Verletzte und allgemeine Unruhe bedeuten. Sie bringen einen schwärenden Konflikt, den die Amerikaner aus guten Gründen scheuten, nun unter günstigeren Bedingungen zu Ende.

Will Iraks neue Regierung ernst genommen werden, muss sie das staatliche Machtmonopol im ganzen Land durchsetzen. Der Schiit al Sadr stellt es mit seiner Privatarmee in Frage, er will einen Machtanspruch, den er politisch nicht erringen kann, gewaltsam erzwingen. Er vertritt nicht die Mehrheit der Schiiten – die steht hinter dem moderaten Ajatollah Sistani, der sich gerade zur medizinischen Behandlung in London aufhält –, sondern nur die einer Minderheit in den Armenvierteln. Sein Radikalismus macht der irakischen Mittelschicht und der schiitischen Geistlichkeit Angst, religiös wie materiell.

Kurzum: Al Sadr gibt sich als Feind der Amerikaner, ist aber zugleich Feind der irakischen Mehrheit. Geschickt sucht er in der Inszenierung der Kämpfe darüber hinwegzutäuschen, verschanzt sich in Moscheen, um Bilder zu erzwingen, wie Ungläubige Gotteshäuser zerstören oder entweihen.

Den Gefallen wollten ihm die Amerikaner nicht tun, als sie noch als alleinige Herren galten. Militärisch hätten sie sich schon durchgesetzt, aber ein brutaler Sieg wäre politisch einer Niederlage gleichgekommen und hätte mehr Widerstand mobilisiert. Damals klang die Zurückhaltung vernünftig – und hatte doch destabilisierende Nebenwirkungen. Falludscha musste die US-Armee radikalen Sunniten überlassen, Nadschaf al Sadr und seiner Mahdi-Armee. Die hatten damit auch eine ökonomische Grundlage, um neue Waffen und Kämpfer zu finanzieren. Das kann keine Zentralmacht dulden.

Inzwischen gibt es eine irakische Regierung, die entscheidet, ob notfalls heilige Stätten gestürmt werden. Und irakische Streitkräfte, die auf Moscheegelände vordringen können, ohne damit den Vorwurf der Entweihung zu provozieren. Werden das auch die Iraker so sehen? Nicht alle, aber viele.

Womit sich die Frage nach den Maßstäben stellt, die man an die Lage im Irak anlegt. Frieden, wie wir ihn meinen, ist dort auf Jahre hinaus eine Illusion. Ein paar Angriffsflächen weniger, ob politische oder militärische, sind ein Erfolg. Kämpfe und Waffenruhe sind nicht immer das, was der erste Augenschein nahe legt. Wenn al Sadrs Gewalt gebrochen wird, ist das ein Fortschritt. Eine regionale Ruhe, die für den Verlust zentraler Kontrolle steht, ist in Wahrheit eine Gefahr für die Stabilisierung. Wir können nur hoffen, dass die kleine Stabilisierung allmählich gelingt. Für uns – vor allem aber für die Iraker.

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