Meinung : Kampf um die Spielregeln

Der Westen verhandelt mit Nordkorea – etwas anderes bleibt ihm nicht übrig

Robert von Rimscha

Der Streit um Nordkoreas Atomwaffen ist eine der eindeutigsten und eine der unklarsten Krisen zugleich. Eindeutig, weil es keine zweite Grenze wie die zwischen den beiden Koreas gibt. Fast zwei Millionen Soldaten stehen sich gegenüber; gerade haben etliche wieder aufeinander geschossen. Nordkorea ist ein Paria, geführt von Kim Jong Il, den niemand für tauglich oder gar zukunftsfähig hält. Er knechtet ein Land, das wohl ein oder zwei Atombomben besitzt und sich an die Aufbereitung von 8000 Nuklear-Brennstäben gemacht hat, was genügend Plutonium für sechs Atombomben liefern würde. Was man damit alles anstellen kann, damit prahlt Kim öffentlich, um vom Westen Konzessionen zu erpressen.

Und die Krise ist doch auch unklar, weil seit über einem Jahrzehnt ein undurchsichtiges Katz-und-Maus-Spiel stattfindet. 1994 hatte man sich schon einmal auf Abrüstung geeinigt. Im letzten Oktober räumte Nordkorea erst ein, dass man die Vereinbarungen gebrochen habe, und behauptete dann, derlei nie eingestanden zu haben. Jetzt geht es nicht um die Beseitigung des verblendeten Regimes, es geht nicht darum, Kim Jong Il seine Waffen wegzunehmen, es geht nicht um Eindämmung – die gegenwärtigen Verhandlungen drehen sich nur um die Spielregeln künftiger Gespräche.

Chinas Vize-Außenminister war gerade in Nordkorea. Am Dienstag telefonierte sein Chef, Chinas Außenminister, lange mit Colin Powell in Washington. Powell weiß: Der Schlüssel zur Lösung des Nordkorea-Problems liegt in China. Von dort bezieht die altkommunistische Trutzburg Energie und Nahrung. Da hilft, dass zwei Entwicklungen zusammentreffen: Chinas Missfallen an der destabilisiserenden Wirkung Pjöngjangs und das Abrücken von der Ansicht, im Nuklearstreit handele es sich um eine bilaterale amerikanisch-nordkoreanische Angelegenheit. China rückt von Kim ab – und die USA scheinen zu Konzessionen bereit. Bislang wollte Nordkorea alle Probleme bilateral besprechen; Washington forderte die Einbeziehung der Nachbarn. Jetzt scheint ein Kompromiss möglich: Die Dreiergespräche zwischen China, Nordkorea und den USA gehen weiter. Die Runde wird möglicherweise um Südkorea und Japan erweitert, und vielleicht stößt auch Russland hinzu. Am Rande könnte es zu jenen bilateralen Treffen kommen, die Pjöngjang fordert.

Amerika setze weiter auf eine diplomatische Lösung, sagt Powell. Belohnt das nicht die Dreistigkeit, die das von Bush auf der „Achse des Bösen“ platzierte Land seit Jahren an den Tag legt? Ja. Und das ist richtig. Die Uneinheitlichkeit westlicher Reaktionen ist den unterschiedlichen Szenarien angemessen. Für Nordkorea, das jederzeit implodieren kann, heißt die Devise: Wie bewerkstelligen wir eine weiche Landung? Eine, die verhindert, dass Kims zerbröselnde Macht eine Region mit in den Abgrund zieht? Die Geduld, die die Welt mit Nordkorea zeigt, ist jene mit einem reizbaren Alten, dem man keinen Vorwand liefern möchte. Für Unheil, das er immer noch anrichten könnte.

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