Meinung : Kampf ums Karamell

Pulverdampf und größere Probleme: Die Rechtschreibreform wird fünf Jahre alt

Gregor Dotzauer

Die Sache ist durch, und zwar seit fünf Jahren. Die von den deutschen Kultusministern beschlossene Neuregelung der Rechtschreibung gilt seit dem ersten August 1998. Zehn Bundesländer führten sie sogar schon zwei Jahre vorher ein. Zugleich ist die Sache nicht durch, zumindest für eine hartnäckige Opposition – vom Germanistikprofessor bis zum Knittelverse reimenden Hobbylinguisten. Und tatsächlich ist sie für niemanden ganz ausgestanden.

Dass man sich als lesender Mensch heute zwischen zwei bis drei leicht voneinander abweichenden orthografischen Welten bewegen muss, ist ein Ärgernis. Es schult aber eine Wahrnehmung von Sprache, die den Blick sowohl auf das Gemachte der Regeln wie auf die Substanz von Texten lenkt. Denn Sprachgeschick und Rechtschreibekompetenz verhalten sich zueinander wie Primärtugend und Sekundärtugend. Daraus erklärt sich auch der Furor, mit dem bis heute über Wohl und Wehe der Reform gestritten wird. Nichts gegen Ordnung, Fleiß und Pünktlichkeit, doch auf jeden ihrer Anwälte kommt ein Putzteufel, ein Streber und ein Korinthenzähler.

Der jüngste Kompromissvorschlag – pardon: „Kompromißvorschlag“ – zum Rückbau der Rechtschreibreform stammt von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er ging fast völlig unter. Es mag sein, dass die Welt Ende März größere Probleme hatte als die Frage, ob man den Doppelkonsonanten in „Karamell“ nicht besser wieder tilgen sollte. Der Irakkrieg war gerade losgebrochen, und die „blutigen Schlachten“ um die Rechtschreibreform, von denen Akademie-Präsident Klaus Reichert bei der Präsentation während der Leipziger Buchmesse sprach, hatten einen seltsamen Beiklang. Es ist aber wahrscheinlich, dass der Vorstoß auch in ruhigeren Zeiten wenig Resonanz gefunden hätte. Schon die Rettung des „scharfen s“, die Umschlag, Vorwort und Einleitung der Broschüre durch die eigene Orthografie zu fordern schienen, war auf den über 100-seitigen Tabellen im Inneren kein Thema mehr: Verwirrung herrscht offenbar auch in den eigenen Reihen.

Die beste Erklärung für das Desinteresse ist: Die Öffentlichkeit hat inzwischen begriffen, dass Rechtschreibkompetenz nicht das vordringliche Ziel der deutschen Bildungsanstrengung ist. Immerhin fiel die Reformdebatte mit in die Zeit, in der die niederschmetternden Erkenntnisse der Pisa-Studie veröffentlicht wurden. Grammatische Unzulänglichkeiten haben viel mehr Gewicht – wenn man nicht gleich von Sprachfantasie, Reichtum des Vokabulars, Sinn für Satzkonstruktion und Rhythmus oder gedanklicher Präzision reden will – und von Inhalten.

Ein zweiter Grund ist das oft fruchtlose Pro und Contra von Reformgegnern wie Befürwortern. Es gibt zwar alle Arten von Argumenten, um Rechtschreibregeln zu begründen: sprachhistorische, sprachlogische oder sprachökonomische. Doch das reine Sprachgefühl, auf das viele sich in ihrer Not beziehen, ist das schwächste. Es gibt kein naturwüchsiges Verhältnis zur eigenen Sprache, das sich außerhalb kultureller Zusammenhänge entwickeln würde. Deshalb taugt das Bekenntnis, dass einem etwas „gegen den Strich“ geht, so wenig – selbst wenn es Mehrheiten findet. Wer seinem Widerwillen auf den Grund geht, wird in den meisten Fällen auf Gewohnheiten stoßen, die sich als ästhetisches Empfinden tarnen.

Reformgegner, auch die Fundamentalisten, sind damit nicht automatisch von gestern. Die Frage der Lernfähigkeit stellt sich für sie aber in besonderem Maß. Dass es zwischen ihnen und dem nichtdigitalisierten Teil der deutschen Bevölkerung frappierende Überschneidungen gibt, ist dafür ein wichtiges Indiz.

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