Meinung : Kann man sich selbst entschuldigen?

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„Ein Jahr nach der Loveparade: OB Sauerland

entschuldigt sich“ vom 12. Juli

Wann werden Politiker und Journalisten es endlich begreifen? Man kann „sich“ nicht (selbst) „entschuldigen“! Dies ist in der christlichen Tradition nicht vorgesehen. Jeder, der sich schuldig gemacht hat, kann lediglich, nachdem er seine Schuld eingestanden und aufrichtig bereut hat, bei jenem, vor dem er sich schuldig gemacht hat, um Vergebung (Entschuldigung) bitten. Ist dieser großherzig und gnädig, wie ebenfalls in der christlichen Tradition vorgesehen, so wird ihm diese Vergebung seiner Schuld gewährt.Es muss also heißen: „Ich bitte um Entschuldigung“ und nicht „Ich entschuldige mich“. Letzteres ist eine Anmaßung, die dem Schuldigen nicht zusteht. Am Beispiel des Oberbürgermeisters von Duisburg, der ein ganzes Jahr gebraucht hat, um seine „moralische“ Verantwortung zu erkennen, wird diese Anmaßung besonders deutlich, mit der Politiker die Öffentlichkeit in ihren Entschuldigungen immer wieder behelligen, und die dann so oder ähnlich klingen: „Hiermit entschuldige ich mich aufrichtig bei all jenen, die sich möglicherweise durch mein Handeln, meine Äußerungen verletzt fühlen könnten“. Wohlgemerkt: Ich habe niemanden verletzt, aber falls jemand dies so empfindet, dann „entschuldige ich mich“ gleich selbst.

Ursula Keller, Berlin-Charlottenburg

Wir sind immer in Gefahr, für schmerzliche Ereignisse einen Schuldigen zu suchen, um für den eigenen Affektstau ein Ventil zu schaffen. Damit reduzieren wir die Analyse eines sehr komplexen Geschehens in unzulässiger, ja ungerechter Weise. Wir werfen Schuld auf einen Sündenbock, der in die Wüste gejagt werden soll im irrtümlichen Glauben, damit sei alles geklärt und bereinigt. Vor allem die eigenen schuldhaften Anteile sollen so verborgen bleiben. Ein Täter-Opfer-Verhältnis wird dann gerecht beurteilt werden können, wenn auch der Täter als Opfer gesehen und das Opfer auch mit seinen Täteranteilen verstanden werden kann. Dies ist nie leicht. Diese Sichtweise exkulpiert auch nicht strafbares Verhalten, aber es ist der beste Weg für Prävention und gerechtes Verständnis und die Basis für wirkliches Vergeben. Dabei werden wir differenzieren müssen, in welcher Weise man sich schuldig gemacht hat. Es gibt ein schuldiges Verhalten gegen sich selbst (z.B. gesundheitsschädigendes Verhalten), man kann sich in zwischenmenschlichen Beziehungen schuldig machen (z.B. durch Lügen, Betrug, Verrat, Missbrauch). Und man kann schuldig werden, ohne dies gewollt zu haben, wenn durch das eigene Verhalten Dinge passieren, die nicht wirklich abzusehen waren. So macht sich praktisch jeder Politiker, Wissenschaftler, Chef permanent schuldig an problematischen Entwicklungen und folgenschweren Ergebnissen, die nicht gewusst, nicht bedacht und auch nicht entsprechend berücksichtigt werden konnten. Die Verpflichtung, im redlichen Bemühen zu entscheiden und zu handeln, sichert keine Schuldfreiheit. Dabei ist die Grenze zum nachlässigen, gewohnheitsmäßigen Tun in der Erwartung: es wird schon – wie immer – gut gehen, unscharf und fließend. Die Frage der „Entschuldigung“ müssen wir nach der Art der Schuld differenzieren: Bei Schuld gegen mich selbst kann ich mich zur Entschuldigung um Erkenntnis, Verständnis und Verhaltensänderung bemühen und kann nur lauten: „Ich beende mein selbst zu verantwortendes schuldhaftes Verhalten.“ Die ist in den allermeisten Fällen erst möglich, wenn man die Entwicklungsgeschichte, die Motive, den Grund für schuldhaftes Verhalten wirklich verstanden und gefühlsmäßig verarbeitet hat. Dabei spielen auch unbewusste seelische Vorgänge eine wichtige Rolle, für deren Verständnis meist Hilfe in Anspruch genommen werden muss. Denn unbewusst ist unbewusst und kann nicht durch vernünftiges Nachdenken aufgedeckt werden. Aber der erwachsene Mensch ist auch für sein Unbewusstes verantwortlich, und wer sich im Konflikt- und Krisenfall nicht um Klärung bemüht, macht sich schuldig – an sich selbst und evtl. auch an den Folgen. Im Falle von Beziehungsschuld gilt auch die Verpflichtung, zu erkennen und zu verstehen, weshalb man sich schuldig gemacht hat. Erst durch diese Einsicht in das eigene Fehlverhalten, das auch dem verletzten Beziehungspartner kommuniziert werden muss, kann eine ehrliche Entschuldigung ausgesprochen werden: „Ich entschuldige mich bei dir für ... Ich habe eingesehen, dass mein Verhalten ... falsch war. Es tut mir leid.“ In diesem Fall kann man nicht um Entschuldigung bitten, weil damit dem von Schuld Betroffenen auferlegt wird, die Entschuldigung vorzunehmen oder nicht, Vergebung zu gewähren oder nicht. Diese Last kann der Schuldige nicht verschieben. Der Fall unbeabsichtigter Schuld ist am schwierigsten zu entscheiden. Es wird genau geprüft werden müssen, ob nicht doch Versäumnisse, Schlamperei, Leichtsinnigkeit, Bequemlichkeit, Faulheit, mangelnde Aufsicht und Kontrolle oder narzisstische Großspurigkeit und Vorteilnahme eine Rolle gespielt haben. Dann handelt es sich immer noch um Beziehungsschuld oder Schuld gegen sich selbst. Dann müssen auch Einsicht, Geständnis und Konsequenzen gefordert werden. Die Entschuldigung muss lauten: Ich entschuldige mich, weil ich … (die und die Fehler gemacht habe). Und je nach Art und Schwere der Fehler müssen Konsequenzen folgen. Eine Entschuldigung dafür, dass man jemanden möglicherweise verletzt haben könnte, ist verlogen und peinlich. Es kann nur um Einsicht ins eigene Fehlverhalten gehen, das ist allerdings bei Politikern selten. Und in den Fällen, in denen es zu Folgen kommt, die man durch seine Entscheidung zwar zu verantworten hat, aber ohne benennbares, erkennbares Fehlverhalten, also Schuld durch Folgen, die nicht zu erwarten und nicht vorauszusehen waren – eine Sachlage, die mit der Macht und Zuständigkeit für Entscheidungen wächst – für eine solche Schuld braucht man Vergebung durch eine „höhere Macht“. Dann kann es nur heißen: Ich bitte um Entschuldigung. Ich habe (überprüft) nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Es tut mir leid. Ich bitte um Vergebung! Zur Vergebung sind nur „höhere Mächte“ berechtigt, z. B. ein Vorgesetzter, ein Vorstand, ein Präsident, ein Gericht und – Gott, für den, der sich als Teil eines religiösen Weltbildes versteht. Ein gerechter Umgang mit Schuld ist natürlich dann besonders schwierig – das dürfte in den meisten Fällen so sein –, wenn Selbstschuld, Beziehungsschuld und höchste Schuld komplex vernetzt sind– auch in Duisburg scheint mir das der Fall zu sein, und zwar nicht nur beim Oberbürgermeister.

— Dr. Hans-Joachim Maaz, Vorsitzender

des Choriner Instituts für Tiefenpsychologie

und psychosoziale Prävention

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